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Urkundenübergabe im Haus Gallus: Akten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses sind nun Welterbe

Von Niemals soll vergessen werden, welche Verbrechen im größten Vernichtungslager des zweiten Weltkriegs, in Auschwitz begangen wurden. Mehr als eine Millionen Menschen wurden dort ermordet - von Menschen, die nach dem Krieg zum größten Teil wieder in ein normales Leben zurückkehrten. Die Akten des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses sind nun als Unesco Weltdokumentenerbe für die Zukunft aufbewahrt.
Die Prozessakten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses sind nun UNESCO-Weltdokumentenerbe. Foto: AFP Foto: JOHN MACDOUGALL (AFP) Die Prozessakten des Frankfurter Auschwitz-Prozesses sind nun UNESCO-Weltdokumentenerbe. Foto: AFP
Frankfurt. 

Bald wird niemand mehr aus erster Hand berichten können, was in Auschwitz geschah. Was bleibt, wenn eines Tages auch der letzte Zeitzeuge verstummt, sind Dokumente und Aufzeichnungen. Die Hoffnung, niemals zu vergessen, welche Gräueltaten und unfassbare Verbrechen einst von deutschen SS-Männern verübt wurden, ruhen dann auf authentischen Originalen: Wie jenen der Prozessakten des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses.

UNESCO-Weltdokumentenerbe

Insgesamt 454 Aktenbände sowie Tonbandmitschnitte der Zeugenaussagen mit einer Gesamtspieldauer von 430 Stunden zeugen vom größten deutschen Strafprozess und einer Zäsur in der Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs. Ende Oktober vergangenen Jahres wurden die Akten von der Unesco zum Weltdokumentenerbe erklärt. Nun fand an historischer Stätte im Saalbau Gallus der entsprechende Festakt mit Übergabe der Urkunde statt.

Am 20. Dezember 1963 wurde der erste Auschwitzprozess im Plenarsaal der Stadtverordnetenversammlung im Römer eröffnet. Das Bild zeigt die Reihe der Angeklagten mit ihren Verteidigern und Bewachern. In der ersten Reihe sitzt der Angeklagte Victor Capesius (mit dunkler Brille), hinter ihm steht der Angeklagte Oswald Kaduk.
Gerichtsprozess Auschwitz-Akten werden Welterbe

Auschwitz steht wie kein anderes Lager für die Gräuel der Nazi-Tötungsmaschinerie. Die Akten und Tondokumente des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963 / 64 werden jetzt zum Bestandteil des Unesco-Weltdokumentenerbes erklärt.

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Denn was in Auschwitz geschehen ist, dürfe nie vergessen werden, darin sind sich die hochrangigen Gäste aus Politik, Justiz und Gesellschaft einig. Unter den geladenen Gästen befindend sich auch Gerhard Wiese. Der 89-Jährige verfasste damals als Staatsanwalt die Anklageschrift im Auschwitz-Prozess und ist der letzte lebende Prozessbeteiligte. Unter großem Applaus wird er von den Rednern begrüßt. Diese freuen sich jedoch auch darüber, dass auch einige Schulklassen im Publikum sitzen - junge Menschen, die die Notwendigkeit der Erinnerung weitertragen könnten.  

Der Vorsitzende des deutschen Nominierungskomitees „Memory of the World“, Joachim-Felix Leonhard, war selbst einst als 18-jähriger Schüler Augenzeuge der Prozesse. Obwohl er bloß einen einzigen Tag lang den Prozess von der Zuschauertribüne aus verfolgte, seien es Eindrücke gewesen, die er ein Leben lang nicht vergessen könne.

Ohne jedes Schuldgefühl

Männern in die Augen zu sehen, die er auf der Straße wohl als Biedermänner einschätzen würde und die dennoch unvorstellbar grausame Taten verübten. „Jede Form von Schuld wurde bestritten“, erzählt er und noch 54 Jahre nach dem Gerichtsbesuch zeugt seine ruhige Stimme von Entsetzen und Unverständnis über die abgebrühte Arroganz der 22 damals angeklagten SS-Männer.

Saalbau Gallus
Ein unscheinbarer Ort mit großer Bedeuteung Der Auschwitz-Prozess: Als im Haus Gallus Geschichte ...

Der Schein trügt: Äußerlich ist der Saalbau Gallus ein eher belangloses Gebäude, doch in seinen vier Wänden trug sich Anfang der 60er Jahre Geschichte zu, die dieses Land für immer verändern sollte: die ersten Frankfurter Auschwitzprozesse. Eine Spurensuche an einem ungeahnt historischen Ort.

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Während die Gesellschaft der Nachkriegsjahr mehr mit sich selbst beschäftigt war und Vergangenes verdrängte, öffnete der Auschwitz-Prozess schonungslos alte Wunden, brachte beschämende Wahrheiten hervor und ermöglichte so, die Kriegsjahre wirklich aufzuarbeiten. Das diese Wahrheiten auch noch mehr als 70 Jahre nach dem Krieg wehtun, beweist Leonhard, als er drei der Tonaufnahmen vorspielt.

Ohne Abschied

Eine surreal gefasst wirkenden Männerstimme erzählt in osteuropäischen Akzent wie er von seiner Frau und seinen Kinder an der Rampe getrennten wurde - ohne Abschiedskuss, ohne Umarmung: „Ich sah sie nie mehr wieder!“ Eine andere Stimme berichtet von der beruhigenden Wirkung des Roten-Kreuz-Wagens, der - was niemand musste - in Wahrheit das Zyklon B zu den Gaskammern fuhr.

Boris Rhein (CDU, r), und Gerhard Wiese mit der Urkunde der UNESCO. Foto: Boris Roessler/dpa Bild-Zoom Foto: Boris Roessler (dpa)
Boris Rhein (CDU, r), und Gerhard Wiese mit der Urkunde der UNESCO. Foto: Boris Roessler/dpa

Diese Stimmen der Opfer sorgten für eine „Rückverwandlung dieser anonymen Rädchen in Menschen mit eigenem Willen, eigener Verantwortung und eigener Schuld“, wie es der Hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) mit Blick auf die Auschwitz-Täter in seiner Festrede ausdrückt.

"Es wird niemals einen Schlussstrich geben!"

Er verspricht, den Anforderungen der Unesco stets gerecht zu werden, um dieses Kulturerbe zu wahren. Laut einer aktuellen Umfrage. plädierten inzwischen 81 Prozent der Deutschen dafür, endlich einen Schlussstrich unter das Kapitel des Nazi-Regimes zu ziehen. Auch dazu gibt Rhein ein Versprechen ab: „Es wird, es kann und es darf diesen Schlussstrich niemals geben!“

Oberstaatsanwalt a.D. Gerhard Wiese
Video-Portrait Dieser Staatsanwalt klagte bei den Auschwitz-Prozessen ...

Vom 20. Dezember 1963 bis zum 21. August 1965 fand der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess statt. Gerhard Wiese war einer der drei Staatsanwälte, die die Anklageschrift gegen insgesamt 22 SS-Leute verfassten. Die Täter sollten endlich für ihre Verbrechen im Vernichtungslager Auschwitz bestraft werden. Im Video-Portrait blickt er zurück auf einen Prozess, der das Land für immer verändern sollte.

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