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Wohnungsbau: Hier kostet die Miete nur zehn Euro

Von Kein Aufzug, keine Fußbodenheizung, wenige Parkplätze, außenliegende Treppenhäuser: So schafft es die ABG in einem Pilotprojekt, eine Miete von zehn Euro pro Quadratmeter anzubieten. Fachleute sind gespannt, wie die künftigen Mieter die Wohnungen annehmen.
So gut kann preisgünstiger Wohnungsbau aussehen: Das Modellprojekt „Im Wiener“ bietet 46 Wohnungen an der Gräfendeichstraße in Oberrad. Foto: Leonhard-Hamerski So gut kann preisgünstiger Wohnungsbau aussehen: Das Modellprojekt „Im Wiener“ bietet 46 Wohnungen an der Gräfendeichstraße in Oberrad.

„Man merkt, hier wurde versucht, das Maximum auf die Fläche zu bekommen“, sagte eine Frau, während sie sich eine Wohnung der ABG in Oberrad anschaut. Dort, an der Gräfendeichstraße, hat die städtische Wohnbaugesellschaft gemeinsam mit dem Architekturbüro Schneider + Schumacher zwei Gebäude mit insgesamt 46 Wohnungen für kostengünstiges Wohnen errichtet. Ziel dieses Modellprojekts ist es, eine Nettokaltmiete von zehn Euro je Quadratmeter zu realisieren (wir berichteten). „Und das haben wir geschafft“, sagte ABG-Geschäftsführer Frank Junker gestern zu den rund 70 Architekten, Planer, Professoren und Studenten, die über die Baustelle geführt wurden.

Einfach mal machen

Auf die Idee für das Projekt kamen Frank Junker und sein Team vor drei Jahren. Damals, so erzählte er gestern, hätten sich ständig neue Bündnisse für bezahlbares Wohnen gegründet, die immer nur diskutiert haben. „Passiert ist aber nichts“, so Junker. „Deshalb haben wir das in die Hand genommen.“ Man habe ja gewusst, wo die Kostentreiber im Bau liegen: In den Planungs- und Baukosten. Denn Energieeffizienzvorgaben, Brand- und Schallschutz sowie Barrierefreiheit sind teuer. „Wir aber haben uns über alle Konventionen hinweg gesetzt und einen Neubau entwickelt, der auf alles verzichtet, was nicht unbedingt gebraucht wird“, so Junker.

Benötigt wirklich jede Wohnung einen Stellplatz für das Auto? Nein, braucht sie nicht, ist sich die ABG sicher. Und so gibt es nur 20 Parkplätze für die 46 Wohnungen. Dafür wird es vor dem Mietshaus ein Car-Sharing-Fahrzeug geben. Muss jede Wohnung barrierefrei sein? Nein, muss sie nicht, ist sich die ABG sicher und verzichtet auf einen Aufzug, weswegen nur die Wohnungen im Erdgeschoss für Menschen mit Rollstuhl geeignet sind. Muss das Haus eine dicke Dämmung haben? Nein. Braucht man eine Fußbodenheizung? Nein. Muss es Flure und Treppenhäuser geben? Nein. Deshalb sind die Treppen außen am Haus angebracht. Und wenn man die Wohnungen betritt, steht man sofort im Wohn-Essbereich mit integrierter Küche. „Das ist nicht jedermanns Sache, aber das spart Kosten, weil die Fläche der Wohnungen optimal genutzt werden“, sagte Julia Bergmann von Schneider + Schumacher, die mit den Planungen des Hauses betraut ist.

„Mutige Abweichung“

Nach all dem Verzicht sind 55 bis 85 Quadratmeter große Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen mit Balkon herausgekommen, die für zehn Euro pro Quadratmeter vermietet werden können – immerhin 20 Prozent günstiger als bei der ABG üblich. Bei der städtischen Gesellschaft kosten Neubauwohnungen normalerweise rund zwölf Euro (kalt) pro Quadratmeter, bei privaten Bauherrn werden noch höhere Kosten fällig. Bis zu 17 Euro werden da gerne mal verlangt. „Das ist ein wirklich interessantes Projekt“, sagte Architektin Jacqueline Schneider. „Auf die Treppenhäuser zu verzichten und sie außenliegend anzubringen, ist eine super Lösung für kostengünstiges Bauen.“

Die Optik der außenliegenden Treppen kam bei den Fachleuten jedoch nicht gut an. Sie bestehen aus einem Stahlgitterrost, ebenso die Balkone. „Wenn dort mehrere Menschen hintereinander die Treppen hochlaufen und Dreck an den Schuhen haben, rieselt dieser durch das Gitter, dem Hintermann direkt auf den Kopf“, bemängelte ein Herr. Selbiges gelte auch für die Balkone. „Das ist nicht schön.“

Architektin Lene Oldopp hingegen findet es gut, dass sich die ABG „eine mutige Abweichung vom Standard“ traut. „Denn genau diese ganze Standardisierung, die ganzen Normen und Vorschriften haben dazu geführt, dass Bauen so teuer geworden ist“, so Oldopp. Das Projekt jedoch zeige, dass man durchaus auf Standards verzichten kann, die Qualität der Wohnungen aber erhalten bleibe. „Man kann sich vorstellen, hier zu leben.“ Selbst der Wohnraum, in dem man sofort steht, wenn man durch die Eingangstür tritt, findet die Architektin nicht schlimm. „Im Gegenteil: Flure nehmen nur Fläche weg, die man nicht nutzt, aber bezahlen muss.“ Allerdings sei sie gespannt, wie die interessierten Mieter darauf reagieren, ebenso wie auf die teilweise sichtbaren Elektroleitungen.

Das kann allerdings erst die Zukunft zeigen. In den nächsten Tagen sollen die Wohnungen fertig sein. Dann beginnt die Vermarktung.

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