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Krankenhaus Nordwest: Neue Chemotherapie: Wie dieser Arzt die Chancen von Krebs-Patienten erhöht

Von "Flot": Der Name lässt die medizinische Fachwelt staunen und an Speiseröhren- oder Magenkrebs Erkrankte hoffen. Der im Krankenhaus Nordwest entwickelte Chemo-Mix erhöht ihre Überlebenschance. Die Idee hatte Prof. Dr. Salah-Eddin Al-Batran. Er und eine Patientin erzählen hier ihre Geschichte.
„Ich musste einfach etwas ausprobieren“: Professor Dr. Salah-Eddin Al-Batran in seinem Büro im Krankenhaus Nordwest. Foto: Leonhard Hamerski „Ich musste einfach etwas ausprobieren“: Professor Dr. Salah-Eddin Al-Batran in seinem Büro im Krankenhaus Nordwest.
Frankfurt. 

Susanne E. sieht die Krankheit so: „Die Diagnose muss man akzeptieren, aber nicht die Prognose.“ Professor Dr. Salah-Eddin Al-Batran vom Krankenhaus Nordwest hat einen Leitsatz, er betont ihn wie eine Selbstverpflichtung: „Der Satz: ,Ich kann für Sie nichts mehr tun’, kommt bei mir nicht vor.“ Vor gut einem Jahr lernten sie sich kennen. „Ein Glücksfall“, sagt Susanne E. „Die Mischung von Menschlichkeit und Professionalität bei Professor Al-Batran ist außergewöhnlich.“ Susanne E. hat es auch anders erlebt.

Anfang August 2016: Susanne E. ist beunruhigt. Da ist ein seltsames Rumoren im Magen. Sie hatte früher schon ab und an einen nervösen Magen, „psychosomatisch“, sagten die Ärzte. Doch jetzt war da etwas anderes, nicht mal mehr essen konnte sie. Ende August ereilte sie die Diagnose: Magenkrebs. Der Tumor hatte bereits den Magenausgang verschlossen, Leber und Bauchfell waren von Metastasen befallen. Die Ärzte gaben ihr nur noch Wochen. Susanne E. dachte: „Das ist nicht mein Weg.“ 60 Jahre war sie alt, sie ist verheiratet, hat vier Kinder, vier Enkelkinder. Sie wollte leben, sie wollte jede Chance nutzen. Es bot sich eine.

Eine Eingebung

Drei Autostunden entfernt von Frankfurt lebt Susanne E. Vom Krankenhaus Nordwest im Frankfurter Stadtteil Praunheim hatte sie nie gehört. Aber die Ärzte in ihrer Heimatklinik hatten von einer von dort geleiteten Studie mit einer neuen Chemotherapie gehört, einer neuen Mischung von Substanzen. Sie vermittelten Susanne E. an die nahe Uniklinik in Tübingen. Die wiederum arbeitete mit Professor Salah-Eddin Al-Batran zusammen. 716 Patienten aus Krebszentren im ganzen Bundesgebiet nahmen an seiner Studie teil. „Flot“: So hat Al-Batran dieses Schema, so der Fachausdruck für einen Chemo-Mix, genannt. Von Flot hatte er sich eine höhere Überlebenschance für Patienten mit operablen Magen- oder Speiseröhrentumoren erhofft, schon die Vorstudien hatten ihm verheißungsvolle Ergebnisse geliefert. Heute ist klar: Die Flot-Therapie wirkt besser als die seit Jahren etablierte ECF-Therapie (siehe Info-Box). In Fachkreisen heißt es, Al-Batrans Chemotherapie könnte weltweit neuer Standard werden.

Es gibt in der Medizin Ereignisse, die sind nicht zu erklären. Sogenannte Spontanheilungen gehören dazu. Manchmal verschwindet ein Tumor, verschwinden Metastasen einfach wieder – gegen jede Wahrscheinlichkeit. Auch manche Mediziner sprechen dann von einem Wunder. Manchmal haben Ärzte einfach Eingebungen, die sich später als segensreich erweisen. So genau weiß Professor Dr. Salah-Eddin Al-Batran gar nicht, wie er damals vor gut 14 Jahren als junger Arzt am Krankenhaus Nordwest auf seine Eingebung gekommen ist. Die große Wissenschaft sei es nicht gewesen, sagt er, eher etwas, das mit ihm zu tun hat. Neugierde, Begeisterungsfähigkeit, Forschergeist, so was in der Art.

Eine Zahl, ein Durchbruch

Speiseröhrenkrebs und Magenkrebs gehören zu den tödlichsten Krebsarten. Zu oft werden sie zu spät diagnostiziert, Behandlungen sind dann nur noch palliativ möglich. Auch von den Patienten, bei denen die Tumore noch operativ entfernt werden können, überlebten damals nur circa 35 Prozent die nächsten fünf Jahre nach der Diagnose. „Ich wollte das nicht einfach so hinnehmen“, sagt Al-Batran. Er sprach mit Patienten, versetzte sich in ihre Situation. Wenn der Mensch ums Leben kämpft, greift er nach jedem Strohhalm. Al-Batran sagt: „Ich musste einfach etwas ausprobieren.“

45 Prozent! Das ist die Zahl, die heute, einige kleine und eine große Studie später, die Fachwelt elektrisiert. 45 Prozent der mit Flot behandelten und operierten Speiseröhren- und Magenkrebs-Patienten haben die nächsten fünf Jahre nach der Diagnose überlebt. „Fast zehn Prozent mehr Heilung als vorher“, sagt Professor Al-Batran. Auch alle anderen Vergleichszahlen sind aussagekräftig. Al-Batrans Augen leuchten, als hätte er die frohe Kunde selbst eben erst erfahren.

Jahrgang 1970 ist er, er wirkt sehr viel jünger. Der Eindruck, einen zugewandten, empathischen Menschen vor sich zu haben, stellt sich auf Anhieb ein. Gedichte schreibt er, er malt gerne. Als er davon erzählt, fügt es sich ins Bild des feinnervigen Typen. Vorhin hat er sich unverhohlen gefreut über die eigene Espressomaschine, die er jetzt in seinem Büro hat. Der Erfolg zeitigt auch kleine Segnungen. Beim weltweit größten Fachkongress in Chicago mit 40 000 Onkologen hat er unlängst seine Forschungsergebnisse vorgestellt. Sie gelten als Durchbruch.

Er könne sich seither vor Anfragen zu Vorträgen oder für Kooperationen und auch zu Stellen kaum retten, sagt er. Er ist noch nicht sicher, ob das positiv ist. „Ich will mich eigentlich lieber weiterhin auf meine Studien konzentrieren.“ Er genießt ja jetzt einen formidablen Ruf. „Man kennt mich jetzt und vertraut mir.“ Mit anderen Worten: Er wird es künftig leichter haben, Sponsoren für Studienideen zu finden, leichter als damals, als er seiner Eingebung folgte.

Als es losging mit ihm und Flot, war er kaum älter als 30. Seinem Chef am Krankenhaus Nordwest war er vorher schon besonders aufgefallen. „Ich bin dazu erzogen worden, leistungsorientiert und ehrgeizig zu sein“, sagt Al-Batran. In der jordanischen Hauptstadt Amman wurde er geboren, aufgewachsen ist er in Saudi-Arabien. Die Eltern waren palästinensische Flüchtlinge, mussten kämpfen für sich und die fünf Kinder.

Das prägt. Mit nicht ganz 18 Jahren kam er nach Deutschland, lernte in nur sechs Monaten die Sprache, begann dann in München Medizin zu studieren. Das Geld dafür verdiente er auf dem Bau und in einer Augenklinik, „erst Säcke schleppen, dann Augentropfen“. 1998 wechselte der junge Hämatologe und Onkologe von München zum Krankenhaus Nordwest. Heute ist er dort Ärztlicher Direktor des Instituts für Klinisch-Onkologische Forschung und an der Goethe-Universität außerordentlicher Professor.

2003 waren die relativ neuen Chemo-Substanzen Oxaliplatin und vor allem das hoch gepriesene Docetaxel auf den Markt gekommen. Salah-Eddin Al-Batran kombinierte sie mit einer Komponente aus dem herkömmlichen Chemo-Schema, gab diesem neuen Mix gemäß der Wirkstoffe das Kürzel „Flot“ („ich habe mir sogar Gedanken über den Namen gemacht“) und bot einigen Patienten mit niederschmetternder Prognose an, es auszuprobieren. Seine Hoffnung: Wenn Flot bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium wirksam ist, könnte es vorzeitiger in früheren Stadien eingesetzt werden, um die Tumore vor der Operation stärker und schneller zu verkleinern. So geschah es auch. Und noch etwas geschah, etwas, das so nicht zu erwarten war: Bei einem Patienten verschwanden auch die Metastasen vollständig. Eine Patientin von damals lebt heute noch.

Ab 2005 machte Al-Batran eine Vorstudie mit 52 Patienten, Laufzeit drei Jahre. Das Ergebnis war positiv. Dank eines Zufallsgesprächs auf einer Flugreise erhielt er dann für eine Folgestudie 600 000 Euro von Sanofi-Aventis, jener Firma, die den Flot-Baustein Docetaxel hergestellt hatte. Das Geld reichte aber nur für 300 Patienten. Al-Batran brauchte mehr als 700 Patienten und eine Laufzeit von acht Jahren, um die Studie erfolgreich abzuschließen. Er brauchte viel Geld. Er stellte einen Antrag bei der Deutschen Krebshilfe. Die lehnte zunächst mit Hinweis auf ihre Regularien ab. Die Krebshilfe fördert keine bereits von der Industrie unterstützten Studien und keine Studien, die sie nicht mitentwickelt hat. Al-Batran wendete sich mit einem Protestbrief an den Vorstand. „Man kann wegen Regularien nicht eine solche Chance vertun.“ So ähnlich hat er es geschrieben – und die Deutsche Krebshilfe schließlich überzeugt. Flot kam in die große Studie. Der Rest könnte kleine Medizin-Geschichte schreiben. „Eine tolle Geschichte?“, ruft Professor Dr. Salah-Eddin Al-Batran aus.

Susanne E. geht es gut. Zehn Chemotherapien mit Flot hat sie bis zum Frühjahr erhalten. Ihr Magentumor war geschrumpft, die Operation gut verlaufen, die Metastasen sind verschwunden. Im Januar hat sie Professor Al-Batran persönlich kennengelernt, so wie es ihr Wunsch war, sie hat sich für das Gespräch mit ihm beworben. Und es kommt wohl nicht von ungefähr, dass er nun sie, die Frau mit der erstaunlich jungen und heiteren Stimme, gebeten hat, am Telefon mit der Zeitung zu sprechen. „Eine ganz neue Erfahrung war das“, sagt sie über diese Begegnung mit ihm. „Er hört zu und fragt viel und erklärt viel. Ich fühlte mich betreut.“ Sie macht jetzt eine sogenannte Erhaltungschemo, ohne aggressive Wirkstoffe, dafür mit Antikörpern. „Genießen Sie Ihr Leben“, hat Al-Batran zu ihr gesagt, „und machen Sie sich keine Sorgen: Wir kriegen das wieder hin.“ Das hat ihr Zuversicht gegeben, sie sei so eine: empfänglich für Worte. Manchmal reiche ein Satz, um sie aus der Verzweiflung zu holen.

Sie liest auch viel über den Menschen und seine Fähigkeit, sich mit guten Gedanken zu stärken. Auch darüber, dass Angst einem die Kraft raubt. „Wissenschaftliche Bücher“, betont sie, „keine Esoterik.“ Vielleicht habe ihr das auch geholfen, die Chemo zu vertragen, nicht mit so etwas wie Haarausfall zu sehr zu hadern. „Ich habe sie angenommen als das, was mein Körper jetzt am dringendsten braucht.“ Über Nebenwirkungen hat sie sich erst gar nicht informiert, auch nicht über Statistiken und Prognosen. Sie durchstöbert auch nicht das Internet nach all diesen vielen Sachen, die sie noch machen, die sie noch einnehmen könnte. „Ich stelle das Leben in den Mittelpunkt, nicht den Krebs“, sagt sie. Sie trifft sich mit ihren Kindern, sie trifft sich mit Freundinnen, sie plaudern über dies und das, sie lachen viel. Mit ihrem Mann verreist sie demnächst wieder nach Frankreich, sie haben dort ein Häuschen. „Ich nehme mir immer etwas vor, damit ich mich auf den nächsten Tag freuen kann“, sagt Susanne E. „Und in manchen schönen Stunden ist es so, als wäre ich gar nicht krank.“

Womöglich hat die Begegnung mit Susanne E. auch Professor Dr. Salah-Eddin Al-Batran viel gegeben. Forschergeist braucht Inspiration.

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