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Vier Familien ausquartiert: Polizei und Bauaufsicht haben vier illegal genutzte Wohnungen geräumt

Sie kamen am frühen Morgen. Polizei und Bauaufsicht haben in der Gwinnerstraße gestern vier illegal genutzte Wohnungen geräumt und versiegelt. Die Stadt brachte die 23 Bewohner, darunter Kinder und Schwerbehinderte, bis zum Abend unter. Nun zittern auch die Nachbarn im Gewerbegebiet Seckbach.
Foto: RR
Frankfurt. 

So überraschend die Aktion für die meisten der Bewohner kam, sie war schon lange angekündigt. Noch am Montag lehnte das Verwaltungsgericht ein Eilverfahren ab, am Dienstag zog die Bauaufsicht die Räumung des Gewerbegrundstücks in der Gwinnerstraße durch.

Die Begründung: Die Liegenschaft liege in einem Gewerbe- und Industriegebiet. „Daher ist eine Wohnnutzung dort unzulässig und kann auch nicht nachträglich genehmigt werden“, betont Simone Zapke, Amtsleiterin der Bauaufsicht. Bereits 2014 schritt die Behörde erstmals ein, die damaligen Mieter hätten die Wohnung freiwillig geräumt.

„Uns wurde immer wieder gesagt, dass die Stadt niemanden auf die Straße setzt“, berichtet Brigitte Herbers, Vorsitzende der Dr. Heinz-und-Helena-Adam-Stiftung. Die Stiftung ist Eigentümerin des Grundstücks Gwinnerstraße 28. Ihr Onkel Heinz Herbers habe dort eine Porzellan-Manufaktur betrieben. Er wohnte selbst dort. 2015 seien über einen Mittelsmann zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise dort Asylbewerber untergebracht worden, versichert Brigitte Herbers, sie selbst sei mit bei der Stadt gewesen.

Unter den Bewohnern ist der 62-jährige Tesfay S. aus Eritrea: „Mein Onkel ist Kriegsveteran, er wurde von sechs Kugeln getroffen und ist schwerbehindert“, erzählt sein Neffe Saba Woldu, und: „Er kam nach Deutschland, um hier Frieden zu finden.“ Das war vor zehn Jahren. 2016 holte Tesfay S. seine Familie nach Deutschland und zog in die Gwinnerstraße um. Laut Saba Woldu hatten sich alle Einwohner unter dieser Anschrift offiziell angemeldet, viele sind anerkannte Flüchtlinge, arbeiten und zahlten die Miete aus eigener Tasche.

Bußgeld für Stiftung

Trotz eines Bußgeldes für die Stiftung sei die Immobilie 2016 erneut illegal vermietet worden, teilt die Stadt mit. „Die Eigentümer wussten seit 2014, dass eine Vermietung und Nutzung zu Wohnzwecken unzulässig ist“, sagt Amtsleiterin Zapke. Die Nutzung sei gestern „mittels Versiegelung“ untersagt worden. Die Räumung sei von einem Team zur Verhinderung von Obdachlosigkeit begleitet worden: „Daher ist sichergestellt, dass die betroffenen Familien nicht obdachlos werden“, versichert Simone Zapke.

„Die Situation ist beschämend, ich dachte nicht, dass so etwas in Deutschland möglich ist“, sagt Saba Woldu. Kleine Kinder mussten in wenigen Taschen das Wichtigste zusammen packen. „Alles andere musste dort bleiben.“ Woldu organisierte den Transport aller Bewohner zur Anlaufstelle für Obdachlose in die Mainzer Landstraße. Eine Familie sei in Höchst untergekommen. „Eine Jugendliche hat morgen Abiturprüfung“, erzählte Woldu am Abend, ein anderer sei mitten in den Abschlussprüfungen an der Hauptschule. „Die machen nachts kein Auge zu und können sich gar nicht konzentrieren“, berichtet der freiwillige Helfer. Er befürchtet, dass die Jugendlichen ihre Prüfungen nicht bestehen werden.

Die Zwangsmaßnahme ließ auch andere aufhorchen: Ferid Dizdarevic eilte aus Bad Vilbel herbei, weil ihn ein Arbeitskollege, der in der Gwinnerstraße wohnte, informierte. „Ich möchte den Menschen helfen“, zeigte sich der Serbe solidarisch mit den Eritreern. Auch der evangelische Pfarrer Fred Balke kam aus dem Riederwald. „Bei uns gibt es schon lange eine eritreisch-äthiopische Gemeinde“, erzählt der Seelsorger, seit 2015 würden viele Ehrenamtliche in der Flüchtlingsbetreuung helfen. „Die Integration geht voran, aber es ziehen auch immer wieder welche weg“, kennt Balke die Situation, aber: „Das ist die erste Zwangsräumung, die wir mitkriegen.“

Kein Vorwurf

Den Behörden wolle er gar keinen Vorwurf machen, aber die Bewohner hätten die Ankündigung zum größten Teil gar nicht verstanden. „Die Menschen kommen nach Deutschland, weil hier alles so ordentlich ist, aber wenn so etwas dann hart durchgezogen wird, können sie das natürlich nicht verstehen“, kommentiert Balke.

Die Frage ist, wie’s weitergeht, denn: Neben den 23 Bewohnern der Hausnummer 28 wohnen wohl noch rund 70 weitere Menschen in dem Gewerbegebiet. Ratlos ist auch Brigitte Herbers: „Wir machen das alles ehrenamtlich“, betont die Stiftungsvorsitzende. Sämtliche Erträge der gemeinnützigen Stiftung würden entweder in die Erhaltung der Immobilie oder in die medizinische Forschung fließen.

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