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Obdachlose: VIDEO: Wir sind mit dem Kältebus durch Frankfurt gefahren

Rund 170 Menschen leben in Frankfurt auf der Straße. Auch im Winter, bei Temperaturen weit unter Null. Die Mitarbeiter des Kältebusses besuchen sie, verteilen Decken, Schlafsäcke und Tee. Aber nicht alle Obdachlosen nehmen ihre Hilfe an.
Foto: Markus Künzel Bilder > Foto: Markus Künzel
Frankfurt. 

„Sieht aus wie ein Wohnzimmer“, sagt Johannes Heuser und lässt den Lichtkegel seiner Taschenlampe über das Lager schweifen. Die Garageneinfahrt in der Nähe der Messe ist aufgeteilt wie eine kleine Wohnung: Matratzen und feuchte Kartons grenzen provisorische Räume ab. In einer Ecke stehen Töpfe und Pfannen, in einer anderen liegen Seifenspender und Taschentücher. Über allem liegt der Geruch von Urin und Alkohol.

Während Heuser und seine Kollegin Elfi Illgmann-Weiß das Lager betrachten, kommt ein kleiner Mann mit einem dunklen Schnurbart um die Ecke. Er trägt eine weite Hose und mehrere Pullover. In der Tasche seiner Anglerjacke steckt ein Tetrapack Wein. Der Mann wirkt irritiert, als er die Sozialarbeiter sieht.

Video: Eine Nacht mit dem Frankfurter Kältebus

„Wohnen Sie hier?“, fragt Illgmann-Weiß. Der Mann nickt und beginnt zu erzählen, in schwerverständlichem Deutsch. Illgmann-Weiß hört aufmerksam zu, nickt immer wieder. „Ich verstehe“, sagt sie.

Ob er einen Tee möchte, gegen die Kälte? Der kleine Mann schüttelt den Kopf. „Nein-nein-nein“, sagt er und dreht eine Zigarettenkippe zwischen seinen schwarzen Fingerkuppen. „Nein-nein-nein.“ Einen Schlafsack brauche er auch nicht.

Aber Kleider, das wäre gut. „Da müssen Sie zu uns kommen, in die Bleichstraße“, erklärt Johannes Heuser. „Dort bekommen Sie einen Kleiderschein. Klei-der-schein, verstehen Sie? Damit können Sie sich dann Kleider besorgen.“ Der Mann lächelt unsicher.  

Ein paar Minuten lassen Illgmann-Weiß und Heuser den Mann noch erzählen: von einer Frau, von seiner Wohnung in der Garageneinfahrt, vom Schlafen im Eis. Dann verabschieden sie sich. „Wir kommen bald wieder vorbei, ja?“, sagt Illgmann-Weiß. Der Mann nickt. „Tschüss-tschüss-tschüss“, sagt er, als die Sozialarbeiter in den Kältebus steigen, und verbeugt sich leicht.

Elfi Ilgmann-Weiß und Johannes Heuser. Foto: Markus Künzel Bild-Zoom
Elfi Ilgmann-Weiß und Johannes Heuser. Foto: Markus Künzel

Rund 60 Menschen leben in Frankfurt auf der Straße

Elfi Illgmann-Weiß und Johannes Heuser sind zwei von sieben Mitarbeitern des Frankfurter Vereins für Soziale Heimstätten, die von Herbst bis Frühsommer mit dem Kältebus durch die Stadt fahren.

Nacht für Nacht sind sie mit unterwegs, ausgerüstet mit Schlafsäcken und Decken, Kräutertee und Haselnussschnitten. Sie suchen Parks auf und Baustellen, Autobahnbrücken und Bretterbuden. In einer Nacht legen sie bis zu 140 Kilometer zurück. „Unser primäres Ziel ist es, das Überleben der Leute zu sichern“, sagt Johannes Heuser.

Von rund 2.500 wohnungslosen Menschen in Frankfurt leben etwa 170 auf der Straße. Zwei Drittel von ihnen kommen in den Schlafstätten der Hauptwache unter. Die übrigen – etwa 60 Menschen – schlafen im Freien. Bei jedem Wetter, auch in eisigen Februarnächten.

Foto: Markus Künzel Bild-Zoom
Foto: Markus Künzel

„Diese Leute haben meistens schwere psychische Probleme“, erklärt Elfi Illgmann-Weiß. „Sie können einfach nicht unter Menschen sein oder in geschlossenen Räumen schlafen.“ Deshalb suchen sie sich ihre Schlafstätten unter Brücken und auf Lüftungsschächten, in Bushaltestellen oder leerstehenden Gartenhütten.

Das kann gefährlich werden: Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) sind im Winter 2017/18 in Deutschland bereits drei Menschen erfroren: ein 60-Jähriger in Hannover, ein 51-Jähriger in Freiburg und ein 52-Jähriger in Schwerin. Insgesamt sind laut BAGW in Deutschland zurzeit 860.000 Menschen wohnungslos. 52.000 von ihnen leben ohne jede Unterkunft auf der Straße. Sie sind besonders gefährdet.

Johannes Heuser schenkt einen Früchtetee ein. Foto: Markus Künzel Bild-Zoom
Johannes Heuser schenkt einen Früchtetee ein. Foto: Markus Künzel

In Frankfurt hat es seit Jahren keinen Kältetoten mehr gegeben. Dazu trägt der Kältebus entscheidend bei. Die Sozialarbeiter um Illgmann-Weiß und Heuser führen Buch über die Menschen, die auf der Straße leben. „Es gibt Leute, die besuchen wir täglich“, erklärt Illgmann-Weiß. „Bei anderen reicht ein Besuch alle paar Tage – es kommt darauf an.“ So bekommen die Mitarbeiter des Frankfurter Vereins mit, wie es den Obdachlosen geht. Wie sie ausgestattet sind. Ob sie erkrankt oder verletzt sind. Viele Obdachlose begleiten sie seit Jahren. „Man lernt die Leute kennen“, sagt Johannes Heuser.

Wenn ein Mensch offensichtlich gefährdet ist, alarmieren die Sozialarbeiter die Polizei. Die kann Obdachlose im ärgsten Fall auch gegen deren Willen mitnehmen: in ein Krankenhaus, in eine Unterkunft. Aber das kommt selten vor. „Besteht keine Selbstgefährdung, lassen wir die Menschen dort, wo sie sind“, erklärt Johannes Heuser. „Jeder darf für sich selbst entscheiden.“

Johannes Heuser am Steuer des Kältebusses. Foto: Markus Künzel Bild-Zoom
Johannes Heuser am Steuer des Kältebusses. Foto: Markus Künzel

„Wenigstens eine Decke?“

Kurz nach 22 Uhr, irgendwo im Norden der Stadt. Die Frau liegt auf einer Parkbank, eine dunkle Plane um ihren Oberkörper gewickelt. Nur ihre Beine schauen heraus. Es hat knapp unter null Grad. Als Elfi Illgmann-Weiß sich über die Schlafende beugt, schießt ihr ein Arm entgegen, eine Faust fuchtelt wütend vor dem Gesicht der Sozialarbeiterin. Illgmann-Weiß redet leise auf die Frau ein, aber die winkt ab.

„Wenigstens eine Decke?“, fragt Illgmann-Weiß. Die Frau murmelt ein paar unverständliche Sätze und dreht sich weg. Johannes Heuser nimmt eine Decke aus dem Kofferraum des Kältebusses und legt sie vor die Parkbank. Dann kehrt er zum Bus zurück.

 „Man muss lernen, Distanz zu wahren“, sagt Johannes Heuser. „Ich glaube, das ist ganz wichtig. Sonst ist man in dem Job falsch.“

Können Sie sich eine Gesellschaft vorstellen, in der es keine Obdachlosen mehr gibt? In der niemand auf der Straße leben muss?

Heuser denkt kurz nach. Dann schüttelt er den Kopf. „Nein“, sagt er. „Es wird immer Menschen geben, die an den Rändern leben. Wir können ihnen Hilfe anbieten – aber mehr nicht.“

Das Team des Kältebusses nimmt unter Telefon 069 43 14 14 Hinweise zu obdachlosen Menschen entgegen.

Foto: Frankfurter Verein
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Er wähnte sich im Krieg, warnte vor Massenmorden und flüchtete, wenn er auf Menschen traf: der "Waldmann" von Frankfurt. Die Sozialarbeiter, die ihn bis zu seinem Tod betreuten, sagen: Auch heute leben Menschen in den Frankfurter Wäldern.

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