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Damit mehr Migranten Lehrer werden

An Hessens Schulen gibt es verhältnismäßig viele Migranten – allerdings nicht unter den Lehrern. Mit dem Projekt „Schülercampus“ soll das Un- gleichgewicht behoben werden.
Nora Boutaoui wirbt im Klassenzimmer für das Projekt „Schülercampus - Mehr Migranten werden Lehrer.“ Nora Boutaoui wirbt im Klassenzimmer für das Projekt „Schülercampus - Mehr Migranten werden Lehrer.“
Rüsselsheim. 

Die Oberstufenschüler des Neuen Gymnasiums in Rüsselsheim konnten sich freuen. Sie bekamen nämlich Besuch von einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Frankfurter Goethe-Universität. Somit hatten sie 20 Minuten weniger Unterricht an diesem schwülwarmen Junitag. Statt Mathe, Chemie, Englisch oder Deutsch zu lernen, wurde ihnen ein besonderes Projekt vorstellt.

Deutschlandweit gibt es immer noch sehr viel weniger Lehrer mit Migrationshintergrund als Schüler. Es existieren zwar noch keine statistischen Erhebungen dazu, aber der Anteil an Lehrern mit ausländischen Wurzeln ist im Vergleich zu den Schülern verschwindend gering. 2012 hatten in Hessen 23,3 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Mit einem Anteil von 24 Prozent entspricht das Neue Gymnasium somit in etwa dem hessischen Durchschnitt.

Grund genug für das Projekt der Hamburger Zeit-Stiftung und der Goethe-Universität, die Initiative „Schülercampus – Mehr Migranten werden Lehrer“ auch an dem Rüsselsheimer Gymnasium vorzustellen. „Wir haben sieben Lehrer mit Migrationshintergrund. Allerdings keinen aus dem muslimischen Kulturkreis“, berichtet Schulleiterin Maja Wechselberger. 7 Lehrer bei einem Kollegium von 60 ist nicht viel. „Aber wir haben einige Referendare mit muslimischen Hintergrund“, fügt sie hinzu.

 

Noch nicht angekommen

 

„Die bundesdeutsche Wirklichkeit ist in den Lehrerzimmern noch nicht angekommen“, sagt Nora Boutaoui. Sie leitet vonseiten der Goethe-Uni das Projekt und weiß, mit welchen Vorurteilen die Referendare und Junglehrer mit Migrationshintergrund zu kämpfen haben. „Wenn Du mit dunkler Haut und einem exotischen Namen Deutsch unterrichtest, kann es durchaus sein, dass Du von Deinen Kollegen oder den Eltern nicht als kompetent genug erachtet wirst. Dabei bist Du hier geboren und sprichst die Sprache genauso gut wie jeder andere.“

Solche und ähnliche Situationen könnten der Grund dafür sein, dass sich immer noch verhältnismäßig wenige Abiturienten mit ausländischen Wurzeln für den Beruf des Lehrers entscheiden. Sie fühlen sich in diesem Berufsfeld nicht willkommen. Auch, weil sie in ihrer Schulzeit keine Lehrer mit Migrationshintergrund hatten und somit die Vorbilder fehlen.

Das Projekt „Schülercampus – Mehr Migranten werden Lehrer“ möchte den Jugendlichen in einem dreitägigen Workshop den Lehrerberuf vorstellen. Interessierte Schüler können sich bewerben und werden im Juli an drei Tagen in Frankfurt intensiv über Beruf und Studium informiert.

Seit mehreren Wochen tingelt Boutaoui nun durch die Schulen und wirbt für das Projekt, das in Niedersachsen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen bereits sehr erfolgreich umgesetzt wurde. „Bewerben kann sich jeder Oberstufenschüler mit Migrationsgeschichte. Das heißt, es sind auch die Menschen willkommen, deren Großeltern bereits nach Deutschland gekommen sind“, so die junge Frau.

 

Als Entscheidungshilfe

 

Wenn die Doktorandin der Erziehungswissenschaften in den Klassen das Projekt erklärt, sind die Schüler aufmerksam. Sofort werden die eigenen Lehrer befragt, warum sie den Beruf gewählt haben. Das sorgt auch für einige Lacher. Lehrer Daniel Fichtenkamm, der die 31-Jährige durch die Klassen begleitete, erklärte auf diese Frage, dass er sich das in der 10. Klasse auch noch nicht vorstellen konnte, jetzt aber seinen Beruf sehr liebt.

Die Berufsziele der Zehntklässler sind unterschiedlich. Einige wollen Jura studieren, andere Betriebswirtschaft, Biologie oder Chemie. So mancher hat auch mal über das Lehramtsstudium nachgedacht, ist aber noch unschlüssig. „Es ist klar, dass viele mit 17 oder 18 Jahren noch keine konkrete Vorstellung haben. Genau dafür ist der Schülercampus da. Er soll eine Entscheidungshilfe sein“, sagt Boutaoui, deren Vater aus Algerien stammt.

Es gibt aber auch einige Schüler am Neuen Gymnasium, die können sich den Beruf des Lehrers sehr gut vorstellen. „Als Lehrer begleitet man junge Menschen viele Jahre. Man ist also auch ein Vorbild“, meint Enes Soytek. Für ihn ist es denkbar, später Geschichte zu unterrichten. Seine Eltern begrüßen seinen Berufswunsch. „Das ist nicht selbstverständlich“, erklärt Boutaoui, „gerade Eltern mit Migrationshintergrund haben ein nicht so gutes Bild vom Lehrerberuf, weil Lehrer in vielen Ländern deutlich weniger verdienen und nicht so einen guten Status haben.“

Auch Merve Döner kann sich vorstellen, Lehrerin zu werden. „Aber ich war in Gedanken schon Pilotin, Ärztin und vieles mehr“, erzählt sie lächelnd. „Es ist schwer, da eine Entscheidung zu fällen.“ Deshalb wird sie sich für den Workshop bewerben. So hat der Besuch aus Frankfurt zumindest dazu geführt, dass einige Schüler begonnen haben, über ihre beruflichen Ziele nachzudenken – und vielleicht entscheidet sich der eine oder andere ja dazu, Lehrer zu werden.

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