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Interview: Feisal Kawusi: „Ich wurde als Kind jahrelang gemobbt“

Faisal Kawusi ist ein echter Bub aus der Doppelstadt, macht als Comedian Witze über Burkas und dicke Bäuche – und räumt damit Preise ab. Für eine Sendung des hessischen Rundfunks ging er jetzt als Muslim in ein christliches Kloster. Was er dabei lernte, welche bitteren Erfahrung er in der Schule machen musste und wie wichtig ihm seine Heimat ist, verriet er Reporter Michael Forst in einem Interview.
Bauchmensch und Hessebub: Faisal Kawusi tourt mit seinem Programm „Glaub nicht alles, was du denkst!“ durch die Städte. Bauchmensch und Hessebub: Faisal Kawusi tourt mit seinem Programm „Glaub nicht alles, was du denkst!“ durch die Städte.
Mörfelden-Walldorf. 

Herr Kawusi, in der neuen hr-Doku „Was geht, Hesse?!“ erkunden Sie als Künstler mit Migrationshintergrund Hessen. Was hat Sie an diesem Experiment gereizt?

Das Geld! [lacht] Im Ernst: Ich bin zum einen hessischer Lokalpatriot. Dadurch, dass ich jetzt in der Fremde [in Köln, Anm. d. Red.] wohne, suche ich besonders die Nähe zu meiner Heimat. Und ich bin ein Mensch, der sich gerne in neue Situationen begibt.

In der Sendung besuchen Sie das katholische St. Bonifatiuskloster in Hünfeld – inklusive Morgengebet und Beichtstuhl. Welche komischen Momente gab es im Kloster?

KAWUSI: Der Pater allein war schon komisch im Comedy-Sinne. Aber im Grunde war ein lieber Kerl. Ich bin da vielen Menschen begegnet, die so eine Güte ausgestrahlt haben. Und inmitten dieser alten Männer war auf einmal dieser junge Typ, ein 22jähriger Tscheche, der kaum Deutsch konnte. Ich dachte bei mir: Ist der auf der Flucht, oder was? Ich hatte viele Fragen, die ich mich aber nicht zustellen traute, da ich den Leuten nicht zu nahe treten wollte. Ich besitze eine krasse Fantasie und der habe ich da einfach freien Lauf gelassen.

Spielte sich das wirklich alles nur in ihrem Kopf ab? Was ist mit ihrer berühmten Revolver-Schnauze?

KAWUSI: Einige Situationen musste ich natürlich kommentieren und habe da meine eigene Note eingebracht, klar. Die waren da Selbstversorger im Kloster und ich habe mit einem Bruder Äpfel gepflückt. Als ich ein verschimmeltes Exemplar erwischte, nannte ich es den „AfD-Apfel“.

Das Drachensteigen mit ihrem Vater bezeichnen Sie als Ihr schönstes Erlebnis im Rahmen der hr-Doku. Wie haben Sie das erlebt?

KAWUSI: Ich war absolut beeindruckt von meinem Papa. Wir waren ja mit dem Drachen-Bernhard (Bernhard Dingwert aus Kassel, Anm. d. Red.) unterwegs, der als der größte Drachensteiger Deutschlands bekannt ist. Der bekam es nicht hin, den Drachen ohne Wind fliegen zu lassen. Und mein Papa nimmt das Ding und lässt es einfach so steigen. Das fand ich cool und schön. Auch, weil das Drachensteigen ein Kindheitserlebnis meines Vaters war, von dem er mir oft erzählt hat. Das ist tief in der Kultur seines Heimatlandes Afghanistan verwurzelt. Damals, als mein Vater jung war, stand das Land in seiner Blüte, war so lebendig. Aber dann ist es in einen Krieg geraten, der größer war als wir alle: Den Kalten Krieg, in dem das Leben Einzelner nicht mehr zählte. Das hat das Land in Trümmer gelegt – und dafür gesorgt, dass ich jetzt hier bin.

Ihre Familie floh nach Deutschland, Sie kamen in Groß-Gerau auf die Welt und wuchsen in Mörfelden-Walldorf auf. Welchen Bezug haben Sie heute noch zur Doppelstadt?

KAWUSI: Das ist einfach mein „home town“, mein Zuhause, egal wo ich mich gerade herumtreibe. Ich bin ein Kind dieser Stadt. Da sind meine Freunde, meine Jungs. Ich bin in der Medienbranche unterwegs und das ist nun mal ein Haifischbecken. Aber zum Glück bin ich ja ein Wal. Im Ernst: Wenn ich nach Hause komme, lege ich meinen Panzer ab. Denn ich weiß: Die Leute in Mörfelden-Walldorf sind mir wohlgesonnen, sie freuen sich darüber, dass es ein Bub von hier geschafft hat, sich in die Spitze der deutschen Comedy-Szene sich hoch zu mausern.

Wie viel Comedian steckte denn schon als Kind in Ihnen?

KAWUSI: Das war eher eine Entwicklung. Wobei ich den Entertainer schon als Kind in mir hatte. Bei Familienfeiern wurde Musik angemacht, ich habe getanzt und alle hatten Spaß dabei. Aber lachten durften sie nicht, das habe ich ihnen verboten! Nur für einen Onkel machte ich eine Ausnahme. Der war krank und meine Mutter sagte mir, dass ihm das Lachen gut tut.

Waren Sie denn in der Schule der klassische Klassenclown?

KAWUSI: Anfangs nicht, denn ich wurde jahrelang gemobbt. Mitschüler haben mich und einen pakistanischen Freund geschlagen, beleidigt, diskriminiert und uns gesagt, wir würden stinken – alles wegen meiner Hautfarbe. Ich bin immer noch enttäuscht von den Eltern oder wer auch immer da versagt hat. Einen anderen Menschen wegen seiner Herkunft herabzuwürdigen, ist nämlich das Schlimmste und Dümmste, was Du einem Kind mitgeben kannst. Das gilt auch für den Glauben oder die Sexualität.

Toleranz ist Ihnen ein echtes Anliegen…

KAWUSI: Ja, weil ich weiß, was es bedeutet, der Schwächere zu sein und fertig gemacht zu werden. Deshalb werde ich mich, solange ich diesen Einfluss als Künstler besitze, für solche Menschen einsetzen.

Sie begannen dann als Kind, sich irgendwann zu wehren?

KAWUSI: Ja, nach der dritten Klasse ist mir dann der Kragen geplatzt und ich habe meine Peiniger verprügelt, einen nach dem anderen. Ich wurde dann zum Alphatier, habe bis zur 13. Klasse die Schwächeren beschützt.

Und zum Quatschkopp wurden Sie…

KAWUSI: …so in der sechsten Klasse. Da hatte ich diese ganz Energie in mir, von der ich erstmal nicht wusste, wo ich mit ihr hin sollte. Also machte ich Blödsinn, brachte die ganze Klasse zum Lachen. Einige Lehrer haben mich dafür gehasst, andere geliebt. Die sagten mir, dass ich ins Fernsehen gehöre – was ich damals für Unsinn hielt. Aber sie haben Recht behalten. Heute fühle ich mich wie in einem Traum und ich hoffe jeden Tag, dass ich nicht aufwache.

Sie feiern bundesweit Erfolge, haben unterschiedliches Publikum in allen Landstrichen kennengelernt. Was zeichnet denn den hessischen Humor aus?

Den gibt es so nicht. Durch die Globalisierung ist der Mensch und sein Humor einfach sehr individuell worden. Meine Comedy kommt überall an. Aber es gibt verschiedene Weisen, darauf zu reagieren. Meine Zuschauer in der Schweiz: beispielsweise haben Spaß, aber das sieht man nicht in ihren Gesichtern. In manchen Städten klatschen die Leute vielleicht nur ein bis zweimal, haben aber trotzdem einen super Abend. Und dann gibt’s Shows, da komme ich auf die Bühne und die Leute rasten aus. Dann nehme ich die Energie des Publikum auf – und reite einfach nur die Welle.

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