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Porträt: Almut Nolte, die Generalärztin der Bundeswehr

Von Generalarzt Almut Nolte ist die erste Frau, die sich als Offiziersanwärterin in der Bundeswehr ganz nach oben hochgearbeitet hat. Ihren Dienstsitz hat sie im Schloss Oranienstein in Diez.
Almut Nolte an ihrem Schreibtisch im Dienstsitz des Kommandos Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung im Schloss Oranienstein. Etwa die Hälfte ihrer wöchentlichen Arbeitszeit ist sie zur fachlichen Dienstaufsicht in der ganzen Bundesrepublik unterwegs. Foto: Rolf Kahl Almut Nolte an ihrem Schreibtisch im Dienstsitz des Kommandos Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung im Schloss Oranienstein. Etwa die Hälfte ihrer wöchentlichen Arbeitszeit ist sie zur fachlichen Dienstaufsicht in der ganzen Bundesrepublik unterwegs.
Limburg/Diez. 

Kurz vor 8 Uhr trifft Almut Nolte in ihrem Büro im Schloss Oranienstein, dem Dienstsitz des Kommandos Regionale Sanitätsdienstliche Unterstützung, ein, um sich wie jeden Morgen nur wenig später mit dem Chef des Stabes zusammenzusetzen. Stabsarbeit und anstehende Kommandoangelegenheiten werden besprochen und koordiniert. Um 8.30 Uhr geht’s dann zum Kommandeur.

In der Morgenlage werden Prioritäten festgelegt und Entscheidungen über zukünftige Aktivitäten getroffen. So beginnen im Grunde alle „normalen“ Arbeitstage“ des Führungstrios. Die Dienststelle führt 13 Sanitätsunterstützungs- und 128 Versorgungszentren sowie 15 Facharztzentren und 13 Sanitätsstaffeln an. Auch das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr in Warendorf gehört zum unterstellten Bereich, der mehr als 9000 Soldatinnen und Soldaten umfasst. „Wir steuern die gesamte ambulante Versorgung sowie Ausbildungs- und Übungsunterstützung in Deutschland außerhalb der Bundeswehrkrankenhäuser. Überall, wo medizinische Hilfe gebraucht wird, sind wir vorne mit dabei.“

Abenteuerlust

Almut Nolte ist die vierte Soldatin seit Gründung der Bundeswehr, die die Spitzenebene erreicht hat – und die Einzige, die schon ihre ersten Karriereschritte in Uniform gemacht hatte und nicht als Seiteneinsteigerin zur Truppe gekommen war. 1990 hat sie als Sanitätsoffiziersanwärterin angefangen, nachdem die Bundeswehr im Jahr davor die Laufbahn für Frauen geöffnet hatte, zunächst nur im Sanitätsdienst, die anderen Teilstreitkräfte zogen 2001 nach.

Abenteuerlust, Interesse an Menschen und der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit hatten sie zur Truppe geführt. „Als ich von der Laufbahnöffnung hörte, habe ich mich sofort beworben“ erzählt Nolte. „Medizin war mein Ding, der Offiziersberuf hat mich gereizt. Und ich wollte mir das Studium nicht von meinen Eltern bezahlen lassen.“ 1968 in Münster geboren und bis zum Abitur dort wohnend, hatte die junge Frau ihren Berufsweg fest im Blick.

Sie lächelt, als sie an ihre ersten Ausbildungsmonate an der Sanitätsakademie in München zurückdenkt. Nolte und ihre Kameradinnen betraten Neuland: die Männerdomäne Bundeswehr. Viele harte Kerle, viele derbe Sprüche. „Wir waren anfangs Exoten, 50 Frauen und ein Vielfaches an Männern. Wir wurden zunächst nicht für voll genommen, es gab Berührungsängste“, erinnert sie sich zurück.

Es kam auch zu skurrilen Situationen. So sei in der Grundausbildung der Flur mit den Stuben der Frauen rund um die Uhr von einem bewaffneten Soldaten bewacht worden – weshalb, weiß der Generalarzt bis heute nicht. Und einzelne Vorgesetzte benahmen sich geradezu überfürsorglich. „Wir wollten aber gar nicht mit Samthandschuhen angefasst werden“, sagt Nolte. Zum Glück sei es bald wieder um die Sache, also um den Sanitätsdienst gegangen. Heute resümiert sie: „Insgesamt haben Frauen der Bundeswehr sehr gutgetan.“

Das Verhältnis der Geschlechter in der Bundeswehr habe sich stark verändert. Im Sanitätsdienst sei die Zusammenarbeit von Männern und Frauen mittlerweile Normalität. „Ich bin überzeugt, dass gemischte Teams mit verschiedenen Perspektiven bessere Ergebnisse erzielen“, so Nolte. Nach der Sanitätsakademie ging sie zum Studium an eine zivile Universität. Später wurde sie Fachärztin für Allgemeinmedizin, machte Abschlüsse in Rettungs- und Sportmedizin, in Chirotherapie und Diabetologie. Ebenso breit wie ihre beruflichen Interessen war das Spektrum ihrer Verwendungen: Nolte arbeitete in den Standortsanitätszentren Delmenhorst und Mainz, wurde im Personalamt der Bundeswehr in Köln und als Referentin im Ministerium eingesetzt – unter anderem war sie an der Strukturreform der Bundeswehr beteiligt. Sie leitete ein Referat im Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr, danach das Institut für Wehrmedizinalstatistik in Andernach und wurde im Auftrag der Ministerin erste Leiterin des Stabselements Chancengerechtigkeit im Verteidigungsministerium, das später um die Bereiche Vielfalt und Inklusion ergänzt wurde.

Im Jahr 2012 verlegte Nolte ihren Wohnsitz von Berlin nach Höhr-Grenzhausen, und seit 2016 wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten in Limburg. „Ich habe in dieser Zeit die Region und die Menschen, die in ihr leben, liebgewonnen“, versichert sie. Bei Wanderungen oder Radtouren kommt es immer wieder zu netten Kontakten mit der Bevölkerung. Und obwohl sie in Limburg wohnt, empfindet sie auch die Atmosphäre in der Diezer Altstadt als überaus „charmant“ und spricht der Grafenstadt eine hohe Lebensqualität zu. Mit Begeisterung ist sie in der Region mit ihrer Kamera unterwegs und hält Natur und Lebensart in schönen Bildern fest. Einmal im Jahr packt sie jedoch die Koffer und bereist eines der exotischen Länder auf dieser Erde. Sie ist interessiert an deren Geschichte, Menschen und Kulturen. Wieder zu Hause – und wenn es ihre knappe Freizeit zulässt – vertieft sie dieses Wissen beim gemütlichen Lesen von Büchern über die bereisten Länder.

Eigentlich habe sie nur als Sanitätsoffizier gute Arbeit leisten wollen – sie habe nicht im Traum damit gerechnet, dass sie einmal General werden würde. Bereut hat sie es nicht: „Man wächst, wenn man seine Komfortzone verlässt.“ Als Vorgesetzte habe sie hohe Ansprüche an ihre Untergebenen, aber auch die unbedingte Bereitschaft zuzuhören und dazuzulernen.

„Jeder Tag bringt Neues“

Nochmal zurück zum Tagesablauf. Nach der Morgenlage verlegt Nolte in ihrer Zusatzfunktion als Standortälteste auf die Schießanlage nach Hirschberg. Während eines Schießens der Bundespolizei, die die Ausbildungsmöglichkeiten der Bundeswehr mit nutzt, inspiziert sie die dortige Anlage. Um 11 Uhr zurück im Schloss, folgen Besprechungen mit der Personalabteilung zum Thema „Reservisten“, für die sie erster Ansprechpartner ist. Danach mit der Organisationsabteilung über die Prozessoptimierung der „Krankenkasse Bundeswehr“, die auch zu den Aufgaben im Schloss Oranienstein gehört, und schließlich zur Vorbereitung einer Dienstaufsichtsreise nach Hammelburg am Folgetag.

Unterbrochen werden die Besprechungen lediglich von der Einnahme der Mittagskost in der Orangerie. Hier wechselt Nolte gerne die Tischordnung, um mit „ihren Frauen und Männern“ ins Gespräch zu kommen. Mit Schrift- und Mailverkehr endet dieser Tag gegen 20 Uhr. „Jeder Tag ist anders und bringt Neues, manchmal auch Forderndes mit sich. Aber über allem steht unser Leitbild: ,Der Menschlichkeit verpflichtet’. Das ist es, was mir an meinem Beruf als Sanitätsoffizier besonders gut gefällt.“

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