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Kulturzentrum: Die bewegte Geschichte der Alten Kirche

Darf trotz des Arbeitsverbots sonntags im Gottesdienst Wasser in Krüge gefüllt werden? Das war eine Frage, die die Menschen in Selters früher bewegte. In der Alten Kirche fand sich dafür eine ungewöhnliche Lösung.
Der Innenraum der Alten Kirche Niederselters ist heute mit bunten Gemälden geschmückt. Foto: Andreas Müller Der Innenraum der Alten Kirche Niederselters ist heute mit bunten Gemälden geschmückt.

Die Alte Kirche ist bei Hochzeitspaaren beliebt. Von etwa 80 Trauungen pro Jahr in der Gemeinde Selters finden 60 in der Alten Kirche statt. Doch viele wissen nicht, was für eine bewegte Geschichte, das Kulturzentrum „Alte Kirche Niederselters“ hinter sich hat.

Die Alte Kirche Niederselters ist schon 300 Jahre alt. Bild-Zoom Foto: Andreas Müller
Die Alte Kirche Niederselters ist schon 300 Jahre alt.

Die Anfänge reichen weit zurück. So wurde eine Kapelle bereits 1340 erwähnt. 1659 stürzte der Chorturm ein, 1664 konnte nur noch das Seitenschiff genutzt werden. An Ostern 1717 wurde die Kapelle abgerissen – und die Kirche in der jetzigen Form, ein Saalbau mit Kreuztonnengewölbe und Westturm, gebaut. Am 3. Oktober 1717 war die Einweihung.

Den Kirchenneubau vorangetrieben hatte Pfarrer Johann Friedrich Dornuff aus .Lindenholzhausen. Er konnte auf finanzielle Mittel zurückgreifen, schließlich war Selters durch den Mineralbrunnen eine vermögende Gemeinde. So wurde die Kirche mit drei Altären ausgestattet, einem Hochaltar mit einem Kreuzigungsmotiv in der Mitte, links ein Marienaltar, rechts ein Seitenaltar, der dem Namenspatron St. Christophorus geweiht war. Der Heilige Christophorus ist bis heute Kirchenpatron.

Einen geschickten Schachzug überlegte sich der Brunnenpächter Johann Adam Bullmann. Weil mit dem Mineralwasser viel Geld zu verdienen war, ließ er auch sonntags die Krüge füllen. In der kleinen katholischen Gemeinde mit damals 500 Einwohnern, sorgte das für Empörung, verstieß das doch gegen das Arbeitsverbot an Sonntagen.

Heilung für den Geldbeutel

Bullmann griff zu der List, dass er sonntags morgens um 4 Uhr eine Frühmesse halten ließ, einen Gottesdienst für die Brunnenarbeiter und die Kurgäste. Bezahlt wurden die Frühmessen vom jeweiligen Brunnenpächter. Der Kurfürst von Trier argumentierte, dass mit dem Heilwasser viele Kranken geheilt würden. Die größte „Heilung“ erfuhren allerdings die Geldbeutel der an der Wasserabfüllung und Vermarktung beteiligten Personen. Immerhin war es durch diese Raffinesse nahezu 200 Jahre lang möglich, dass auch sonntags Wasser abgefüllt werden durfte.

Die Gemeinde Selters wuchs und wuchs. Aus 500 Einwohnern wurden 1500, das Gotteshaus hatte aber nur 300 Plätze. Ab 1880 gab es eine Debatte um einen Kirchenneubau. In diese Zeit fiel auch der „Kulturkampf“ (1871-1883) des Preußischen Staates bzw. später des Deutschen Kaiserreiches gegen die Katholische Kirche unter Papst Pius IX. Die Zahlungen für die Frühmessen wurden eingestellt.

Von 1907 bis 1909 wurde die neue St. Christophorus Kirche an der Brunnenstraße, wegen ihrer Größe auch „Dom des goldenen Grundes“ genannt, erbaut. Sie diente der Gemeinde als neues Gotteshaus. Anton Spangenmacher, der Erbauer der neuen Kirche, hatte kein Konzept für die Alte Kirche. Sie stand leer, ihr wurde die Weihe entzogen, sie zerfiel. Die Altäre wurden nach Langenhahn im Westerwald verkauft, zwei Fenster in die Nachbargemeinde Hasselbach.

Erst Pfarrer Carl Rothbrust entdeckte die Alte Kirche wieder und sorgte 1932 dafür, dass unter der heutigen Empore ein Jugendraum errichtet wurde. Dort trafen sich unterschiedliche Jugendgruppen, die bald auch über die Probleme der NS-Zeit diskutierten. So wurde der Jugendraum zu einem Raum des kirchlichen Widerstandes. Pfarrer Rothbrust wurde 1937 von der Gestapo inhaftiert und kam ins Polizeigefängnis nach Frankfurt. 1939 ging er ins Exil in die Schweiz.

Museum eingerichtet

Bis 1970 wurde der Jugendraum weiter für unterschiedliche Aktivitäten der katholischen Verbandsarbeit genutzt. Dr. Norbert Zabel, Vorsitzender des Kultur- und Geschichtsvereins und früherer Bürgermeister von Selters, erinnert sich, dass er selbst in den 60er Jahren dort an Gruppenstunden teilgenommen hat.

Der Geschichtsverein wurde 1971 mit dem Ziel gegründet, die alte Kirche zu erhalten und dort ein Museum einzurichten. Federführend dabei war Robert Spitzlay, einer der Gründer des Vereins. „Das Konzept für ein Kulturzentrum hat damals sowohl die CDU als auch die SPD mitgetragen“, erinnert sich Zabel.

Als die Gemeinde in ein Dorferneuerungsprogramm kam, flossen auch Geldmittel dafür. 1,7 Millionen Euro wurden zwischen 1989 und 1991 in das Projekt investiert, 1991 die Arbeiten fertiggestellt. Seitdem hat das Kulturzentrum „Alte Kirche“ eine breite Akzeptanz erfahren. Es dient als Veranstaltungs- und Kulturzentrum, kürzlich gab es einen Luther-Abend. Der Verein hat aus Eigenmitteln und Spenden sowohl eine Orgel als auch einen Flügel angeschafft.

 

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