Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... 19°C

Bernd Zürns: Dieser Mann fährt mit fast 80 Jahren über den Gotthard-Pass

Von Begeisterter Radler und noch lange kein altes Eisen: Bernd Zürn hat als Senior immer noch große sportliche Ziele. Für sein letztes Projekt packte er die Fahrradtaschen und fuhr los – über die Berge.
Rechts verläuft die historische Passstraße, links die gut ausgebaute neue. Dazwischen fließt die Reuss. Bilder > Foto: Hans Nietner Rechts verläuft die historische Passstraße, links die gut ausgebaute neue. Dazwischen fließt die Reuss.
Flörsheim. 

Wie kommt ein älterer Herr dazu, sich die Strapazen einer Gotthard-Pass-Überquerung mit dem Fahrrad zuzumuten, die selbst deutlich jüngere Leute ohne Not nicht in Kauf nehmen würden? Der ehemalige Lehrer Bernd Zürn (79) gibt eine schlichte Antwort darauf: „Ich wollte mir selbst etwas beweisen.“ Dass er mit seinen fast 80 Jahren noch nicht zum alten Eisen gehört? Ja, genau – so ist man versucht zu sagen, wenn man mit Bernd Zürn spricht. Denn der groß gewachsene, drahtige schlanke Mann macht nicht den Eindruck, knapp vor seinem 80. Geburtstag zu stehen. Mindestens zehn Jahre jünger könnte das Lebensalter des Weilbachers geschätzt werden. Wohlgemerkt: Das Projekt Gotthard-Überquerung ist der 79-Jährige nicht mit einem E-Bike angegangen, sondern mit einem normalen Rad. Der Umweltschützer und begeisterte Radler hat anscheinend nicht nur eine gute Genetik. Vielmehr tut Bernd Zürn viel dafür, sich fit zu halten. So gehört nicht nur seit Jahrzehnten das tägliche Radfahren zu seinem Trainingsprogramm. Der Pensionär trainiert zudem auf dem GRKW-Gelände an der Frankfurter Straße. Dort rennt er mehrmals im Monat die 170 Stufen des Aussichtsturms hoch und runter. Bis zu 20 Mal hetzt er dort an einem Trainingstag die Treppenstufen hinauf. Die Laufübungen sind die Vorbereitungen für den Hochhaus-Treppenlauf im Frankfurter Messeturm, dem sogenannten Sky-Run.

„Alles Kopfsache“

Für Bernd Zürn zählt aber noch etwas anderes: Älter werden und fit sein, so meint er, hänge vor allem mit der psychischen Konstitution zusammen. „Das ist alles Kopfsache“, meint der Mann, der sich tagsüber am liebsten in der Natur aufhält. Dass Bernd Zürn nicht nur vom Umweltschutz redet, sondern ihn aktiv betreibt, ist wohl nicht überraschend. So gehörte der Weilbacher zu den Gegnern des in der Zwischenzeit zu den Akten gelegten großen Umgehungsstraßen-Projektes. Das hat ihm damals nicht nur freundliche Zustimmung eingebracht. Mehrfach hatte er die Tour in die Schweiz und nach Italien verschoben. „Rentner haben ja bekanntlich viele Termine“, kommentierte er ironisch sein mehrmals geändertes Reisedatum. Mitte September war es dann aber endlich so weit. Mit zwei prall gefüllten Fahrradpacktaschen machte sich der ehemalige Lehrer auf den Weg.

Quartier schon gebucht

Mit der Bahn fuhr Bernd Zürn nach Schaffhausen. Nach einem Umstieg in Zürich traf der Weilbacher in Luzern ein. Dort herrschte ideales Radwetter. Zwölf Grad, trocken, leichter Sonnenschein und Windstille. Beruhigend war für Bernd Zürn, dass er sich nur rund 60 Kilometer vorgenommen hatte und sein Quartier am Zielort in Attinghausen schon gebucht war. Somit hatte der Radler noch Zeit, die pompösen Gebäude der Banken und Hotels, aber auch die Kirchen und den berühmten überdachten Holzsteg über die Reuss zu bewundern. Die Reuss entspringt auf dem Gotthard, fließt bei Altdorf in den Vierwaldstätter See und verlässt ihn bei Luzern. Beeindruckend war auch der Anblick der majestätischen Berge. Leicht schockiert stellte Bernd Zürn dann fest, dass einige von ihnen schneebedeckt waren. Auch solche, die deutlich niedriger sind als der Gotthard, wie er rückblickend erzählt. Der Weilbacher verlässt Luzern auf der stark befahrenen Küstenstraße. Dem nördlichen und östlichen Seeufer folgend geht es im Kanton Schwyz über Küssnacht und Vitznau nach Brunnen. Dort beginnt die Axenstraße.

Nach einer ruhigen Nacht in einem Hotel in Attinghausen hörte der Dauerregen am nächsten Tag nach dem Frühstück auf. Bernd Zürn hatte sich vorgenommen, die 472 Meter Meereshöhe, verteilt auf rund 50 Kilometer bis hinauf zum Gotthard-Pass in 2108 Meter, innerhalb von sieben Stunden zurückzulegen.

Velos verboten

Doch hinter Göschenen informierte ein großes Schild: „Weiterfahrt für Velos verboten!“ Wegen einer Großbaustelle gab es auf der Straße keine Überholmöglichkeiten. Deshalb durften zwar Autos, aber keine Fahrräder dort fahren. Ein Bustransfer bis Andermatt brachte Bernd Zürn in wenigen Minuten auf 1447 Höhenmeter. Nach seiner Weiterfahrt auf zwei Rädern stand der Weilbach dann um 13.40 Uhr an der höchsten Stelle der Passstraße. War er dann stolz auf sich? Ja, ein wenig, meint er. Dennoch habe er ein Gefühl der Leere gehabt: „Wie? War das alles, habe ich mir da gedacht“, erzählte der Pass-Stürmer nach seine Rückkehr.

Bei der folgenden Bergabfahrt nur zwei Kilometern spürte der Weilbacher, dass sein Rad zu flattern begann. Bei fast 50 Kilometer pro Stunde kein Spaß. Die Ursache: Seine Arme zitterten vor Kälte. Der 79-Jährige absolvierte ein Aufwärmprogramm der ungewöhnlichen Art. Nach gut drei Dutzend Liegestützen am Fahrbahnrand sei es dann ohne Flattern weitergegangen, berichtete er.

Am frühen Abend traf Bernd Zürn schließlich an der Jugendherberge in Bellinzona ein. Abendessen gab es nicht mehr. In einem Supermarkt deckte sich Bernd Zürn mit Brot, Käse und Milch ein. Nach der „Brotzeit“ und dem langersehnten Duschen ging es dann früh zu Bett.

Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse