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Hessische Literaturtage: Akrobaten der Sprache

Literatur unterschiedlicher Genres bot der Eröffnungsabend der Hessischen Literaturtage. Ausgerichtet in Kooperation von der Literaturgesellschaft Hessen (LIT) und Kultur 123 stellten sich vier Autoren vor, wobei vor allem die Lyrik beeindruckte.
Der Lyriker Horst Samson las Texte von Heimatlosigkeit im Grabenkampf zwischen Ost- und Westeuropa. Sein Thema: „Und das Herz lag da, leer, wie eine verlassene Kaserne.“ Bilder > Der Lyriker Horst Samson las Texte von Heimatlosigkeit im Grabenkampf zwischen Ost- und Westeuropa. Sein Thema: „Und das Herz lag da, leer, wie eine verlassene Kaserne.“
Rüsselsheim. 

Die Dichter des Abends waren famos: Harry Oberländer und Horst Samson bezeugten zur Eröffnung der Hessischen Literaturtage am Dienstag die Kunst, Worte auszuloten und sie in hellhöriger Nuancierung zum Klingen zu bringen.

Großer Beifall der 60 Literaturfreunde, die in die gastgebende Stadtbücherei gekommen waren, würdigte die Lyriker als Akrobaten der Sprache. „Spur und Stein und Zeichen sind lesbar. Alles spricht“, heißt es bei Oberländer, der Gedichte als Chronik einer südböhmischen Stadt im Spannungsfeld zwischen Raum und Zeit las: „Chronos krumlov“ heißt der Band des 1973 mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichneten Autors. Oberländer war bis 2016 Leiter des Literaturforums im Frankfurter Mousonturm. Seine bildhafte Sprache lud ein zur lyrischen Reise, seine sensiblen Verse hallten nach: „Das Licht blättert die Kapitel auf – ungelesen bleiben die Nachtseiten.“

 

Tiefe Risse zwischen Ost und West

 

Gerda Jäger, Vorsitzende der Literaturgesellschaft Hessen (LIT) führte charmant durch den Abend, der nach der Lesung aus zwei Romanen mit dem Vortrag des zweiten Lyrikers, Horst Samson, ausklang. Der rumäniendeutsche Dichter las Gedichte, deren Gestimmtheit vom Bruch im Lebenslauf sowie von tiefen Rissen zwischen Ost- und Westeuropa geprägt ist. Mit der „Entheimatung“ klafft eine Wunde, die sich nicht schließen lässt. Titel des Lyrikbandes: „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit.“ „Wo Wörter seelenruhig an Grashalmen zupfen“ und der Autor seine Verse in innerer Zwiesprache mit Zeitgenossen und Ahnen seiner Zunft drechselt – etwa Heinrich von Kleist und Sarah Kirsch – ist er zu Hause: „Seit langem wohne ich nicht mehr an den Schienen. . . schiefe Landschaften und Fremdheit sind mein Lohn, meine Sprache.“ Der Lesung folgte großer Beifall, der als Verbeugung vor dieser lyrischen Kraft gelten darf.

Freilich hatte der Eröffnungsabend der Literaturtage, die im Jahr des 20. Geburtstages der LIT nach siebenjähriger Pause zum zweiten Mal in Rüsselsheim ausgerichtet werden, viele Facetten. Auch musikalische. Brillant waren die „Zwischentöne“ des Musikers Pavel Mozgovoy. Auf seiner Klarinette ließ er zauberhafte Melodien hören, spielte hingebungsvoll tänzelnde Weisen in lebensfroher oder melancholischer Klangfarbe. 2011 war Mozgovoy Kulturförderstipendiat der Stadt, worauf Kulturdezernent Dennis Grieser (Grüne) im Grußwort hinwies. „Willkommen zurück“, rief er der LIT zu, freute sich an der Ausrichtung der Literaturtage in der Opelstadt und erinnerte an die erste Kooperation 1999. Überhaupt: Grußworte gab es viele, bevor die literarischen Lesungen unter dem Motto „Hessen, Europa, Welt & Web“ begannen.

 

„Autor ist ein gefährlicher Beruf“

 

Eckhard Kunze, Leiter von Kultur 123, hob die Chance hervor, mit den Literaturtagen die Vielfalt hessischer Autoren, deren Werke nicht allein regional Bedeutung hätten, einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Regine Bantzer vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst begrüßte in Stellvertretung von Minister Boris Rhein (CDU), dem Schirmherrn der Literaturtage. Und schließlich war es der Landesvorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller in Verdi, Claus-Peter Leonhardt, der, um zugleich Größe und Verletzbarkeit der Literatur zu verdeutlichen, einen großen Bogen schlug von ersten Autorenorganisationen („Schutzbünden“) bis heute: „Autor zu sein, gehört auch heute noch zu den gefährlichsten Berufen.“

Info: Noch zwei Termine

Weitere Termine der Hessischen Literaturtage, Freitag, 22. April, 19 Uhr, Stadt-und Industriemuseum: Gabriele Beyerlein und Uta Franck lesen Historisches und Sagenhaftes zum Thema Industrialisierung

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Die beiden Schriftstellerinnen des Abends lasen aus sprachlich und thematisch extrem unterschiedlichen Romanen. Ursula Flacke machte mit hochemotionaler, minutiös recherchierter Schilderung des Lebens in Südtirol um 1519 („Das Mädchen aus dem Vinschgau“) den Auftakt. Christiane Geldmacher, 2015 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für Kurzkrimis geehrt, las aus dem Buch „Willkommen@daheim“, das in zeittypischer, lockerer Sprache durch eine spannende Story mit Leiche im Keller und Tagebuch im Netz führt.

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