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Pfarrer Karl Barth steht im Fokus eines Referats: Als gebrochener Mann aus dem KZ zurückgekehrt

Von Zum Thema Widerstand und Verfolgung katholischer Priester im Kreis während des Nationalsozialismus sprach Rudolf Münzer. Dass das Thema an Aktualität nicht verloren hat, zeigten die Aussagen eines Anwesenden.
Wirkungsstätte von Pfarrer Karl Barth: Die katholische Kirche in Astheim. Foto: Dennis Möbus Wirkungsstätte von Pfarrer Karl Barth: Die katholische Kirche in Astheim.
Astheim. 

Güte und Wachsamkeit sieht, wer in die Augen von Karl Barth blickt. Doch die Augen des früheren Astheimer Pfarrers haben auch viel Leid, ideologische Verblendung und Demütigung gesehen. Denn Barth war Gegner des Nazi-Regimes und dafür zwei Jahre im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Über ihn und weitere Widerständler im Kreis sprach Rudolf Münzer.

Lediglich 15 Besucher kamen am Donnerstagabend in das Astheimer Pfarrheim, das nach Barth benannt ist. Auffällig auch: Das Durchschnittsalter der Anwesenden dürfte bei 70 Jahren plus gelegen haben. Darunter Besucher, die Barth noch persönlich kannten. Eine vierköpfige Delegation kam aus dem rheinland-pfälzischen Oppenheim, der Geburtsstadt von Barth, der 1899 zur Welt kam.

Referent Münzer ging in seinem Vortrag zunächst auf die Begleitumstände ein. Er erinnerte an den Kulturkampf zwischen der katholischen Kirche und dem Kaiserreich sowie an die Weimarer Reichsverfassung, welche Glaubensfreiheit garantierte. Münzer legte dar, dass die katholische Kirche den Nationalsozialismus vor 1933 „entschieden abgelehnt“ habe. Dazu zitierte er eine Stellungnahme des Bistums Mainz von 1930, wonach „das Programm der NSDAP Sätze enthält, die sich mit den katholischen Lehren nicht vereinigen lassen“.

 

Der „Frei-“Brief des Paulus an die Römer

 

1935 – also nur fünf Jahre später – ließen sich Bischöfe mit Propagandaminister Joseph Goebbels und Hitlergruß ablichten. Wie kam es zu dem Sinneswandel? Diese Frage beantwortete Münzer schlüssig: Zunächst habe das Reichskonkordat von 1933 eine entscheidende Rolle gespielt. In dem Vertrag sicherten die neuen Machthaber der katholischen Kirche unter anderem zu, ihre Religion auch künftig ausleben zu können.

Pfarrer Karl Barth. Bild-Zoom Foto: Unbekannt
Pfarrer Karl Barth.

Als weiteren entscheidenden Punkt der Kooperation vieler Katholiken nannte Münzer eine Passage aus dem Brief des Paulus an die Römer. Dieser Text verlangt von den Gläubigen Gehorsam gegenüber der Staatsmacht (Römer 13, 1-7). Das Regime machte jedoch rasch deutlich, welche Rolle Religion in der nationalsozialistischen Weltanschauung wirklich spielte. Als Beispiel für die zahlreichen Verletzungen des Kirchenvertrags nannte Münzer etwa die Eingliederung katholischer Vereine in die Hitlerjugend.

Katholische Geistliche standen am Scheideweg: Kooperieren, wie etwa die Bischöfe auf dem Goebbels-Foto. Oder sich den Nationalsozialisten und der menschenverachtenden Ideologie entgegenstellen, wie etwa Papst Pius XI., der mit seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vom März 1937 zwar spät, doch offen dem Regime entgegentrat.

Zu den Widerständlern gehörte auch Pfarrer Karl Barth, den Referent Münzer porträtierte. Der gebürtige Oppenheimer wurde 1935 Pfarrer der Gemeinde St. Petrus in Ketten. „Damals waren von den 937 Einwohnern Astheims 96,4 Prozent katholisch“, veranschaulichte Münzer die Bedeutung der Kirche im Ort. Im Mai 1942 wurde Barth zum ersten Mal verhaftet. Drei Monate saß er im Gestapo-Gefängnis. Die zweite Verhaftung folgte 1943. Barth kam im Juli in das Konzentrationslager Dachau. Im Lagersystem wurde Barth zur Häftlingsnummer 49 704 degradiert und blieb dort bis Anfang April 1945.

 

Zwei Jahre im KZ Dachau

 

Über die Gründe der Verhaftung gebe es widersprüchliche Quellen, so Münzer. Laut Akte der US-Militärbehörden wurde Barth 1942 „als Judenfreund“ verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt seien jedoch bereits alle Astheimer Juden nach Auschwitz deportiert worden.

Bei der zweiten Verhaftung etwa ein Jahr später habe es sich laut Militär um die Vereitelung einer Flucht gehandelt. Münzers Recherche jedoch ergab, dass Barth, der selbst im Ersten Weltkrieg kämpfen musste, eine Antikriegspredigt gehalten haben soll. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Wehrmacht im Kessel von Stalingrad zerschossen wurde.

Das Porträt von Barth endete mit den Informationen, dass er nach der KZ-Haft nach Astheim zurückkehrte. Dort war er wieder als Pfarrer tätig, doch bereits 1946 ging er in den Ruhestand. „Als gebrochener Mann“, wie eine Zuhörerin flüsternd hinzufügte. Die Zeit im Konzentrationslager hatte ihn traumatisiert.

In seinem Vortrag, der von der katholischen Erwachsenenbildung der Pfarrgruppe Astheim, Trebur und Geinsheim veranstaltet wurde, ging Münzer noch auf Pfarrer Adam Pfeifer (Haßloch), Kaplan Paul Urban (Gernsheim), Pfarrer Benedikt Rodach (Walldorf) sowie Pater Dionys (Maria Einsiedel) ein und schilderte deren Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Der Eintrag der US-Militärbehörde. Die Zahlen widersprechen anderen Quellen, etwa Barths Schwester Elisabeth. Bild-Zoom Foto: Unbekannt
Der Eintrag der US-Militärbehörde. Die Zahlen widersprechen anderen Quellen, etwa Barths Schwester Elisabeth.

Bleiben zwei Dinge zu erwähnen: Zunächst die Tatsache, dass es auch evangelische Priester gab, die Widerstand geleistet haben. Ferner zeigte der Vortrag, dass eine Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nach wie vor aktuell ist. So ließ ein Zuhörer – wenngleich er seine Aussagen später relativierte – unter allgemeinem Kopfschütteln durchblicken, dass nach Zeugenaussagen damals nicht alles schlecht gewesen sei.

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