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Holocaust-Überlebender im Neuen Gymnasium: „Auschwitz war die Hölle – jeden Tag“

Von Leslie Schwartz hat den Holocaust überlebt. Der 85-Jährige spricht über sein Schicksal. Damit sich das Verbrechen nicht wiederholt.
Anruf bei seinem Freund Max Mannheimer. Der heute 96-Jährige überlebte ebenfalls den Holocaust. Foto: Matthias Hoffmann Anruf bei seinem Freund Max Mannheimer. Der heute 96-Jährige überlebte ebenfalls den Holocaust.
Rüsselsheim. 

Leslie Schwartz ist ein älterer Herr mit gütigem Gesicht. Der 85-Jährige geht gemächlichen Ganges mit kleinen Trippelschritten, lacht viel und ist mit sich und der Welt im Reinen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn Leslie Schwartz hat den Holocaust überlebt, ist als Jugendlicher durch die Lager Auschwitz und Dachau gegangen.

„Auschwitz war die Hölle – jeden Tag“, sagt er. Schwartz sitzt in der Aula des Neuen Gymnasiums Rüsselsheim. Er spricht langsam, als wäge jedes Wort ab. Mal in Deutsch, meist in Englisch. Doch was er sagt, fesselt die etwa 200 anwesenden Schüler. Kein Griff zum Handy, keine Quatschmacherei. Die Neunt- und Zehntklässler wissen: Das Thema ist zu wichtig, um Witze zu machen.

Fast 200 Neunt- und Zehntklässler lauschen Schwartz’ Worten. Bild-Zoom Foto: Matthias Hoffmann
Fast 200 Neunt- und Zehntklässler lauschen Schwartz’ Worten.

Denn Schwartz ist auf einer Mission: Als Holocaust-Überlebende zieht er durch die Republik und spricht über das Grauen, das Nazi-Deutschland über ihn, seine Familie und Millionen andere Unschuldige gebracht hat.

Schwartz wurde 1930 in einer Kleinstadt im Osten Ungarns geboren. Mit Einmarsch der deutschen Truppen brach auch hier die Judenfeindlichkeit Bahn. Schwartz’ Familie wurde entrechtet, in einem Ghetto mit anderen Leidensgenossen zusammengepfercht und schließlich nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Bei der sogenannten Ungarn-Aktion verfrachteten die Nationalsozialisten innerhalb von weniger als drei Monaten fast 430 000 Menschen in das Vernichtungslager. Darunter Leslie Schwartz, seinen Stiefvater, die Mutter und zwei Schwestern. Letztgenannte hat der damals 14-Jährige nie wieder gesehen.

Schwartz kam in das KZ Dachau. Dort wurde der Heranwachsende, der am Ende bloß noch 34 Kilogramm wog, zur Zwangsarbeit eingesetzt. Ende April 1945 schließlich die Befreiung durch amerikanische Soldaten an einem Bahnhof im bayerischen Nirgendwo.

Schwartz erzählt den Schülern: „Ich konnte mich nicht über meine Freiheit freuen, denn ich war durch eine Kopfverletzung sehr schwer verwundet. Statt ins Krankenhaus zu gehen, machte ich mich zuerst auf die Suche nach Essen.“

Über Umwege kam er in die USA. Leslie – der eigentlich als Laszlo zur Welt kam, seinen Namen aber in den Staaten änderte – stieg dort als 15-Jähriger in das Druckereiwesen sein, in dem er bis zu seiner Pensionierung tätig war.

Erst Mitte der 70er-Jahre hat Schwartz Deutschland wieder betreten. Inzwischen hat er seinen Zweitwohnsitz im westfälischen Münster. 2007 hat er das erste Mal seine Geschichte erzählt, in Dänemark war das. Ein Schüler fragt, wieso er jahrzehntelange geschwiegen hat. Schwartz antwortet, was viele Holocaust-Überlebende berichtet haben: „Es hat die Öffentlichkeit eben nicht interessiert.“

 

Gegen das Vergessen

 

Als Schwartz mit seinem Bericht fertig ist, passiert etwas Bemerkenswertes: Schüler kommen nach vorne, stellen persönlichere Fragen. Und sie lassen sich mit dem 85-Jährigen mit ihren Smartphones ablichten. Apropos Handy: Kaum auf dem Schulhof, zückt Schwartz sein Telefon und ruft seinen Freund Max Mannheimer an („Er hat mich gerettet. Er ist mein Held.“). Das Gespräch ist heiter. Es zeigt, dass die Nazi-Herrschaft Leslie Schwartz – wie er auch auf Echo-Nachfrage versichert – nicht gebrochen und traumatisiert hat.

Doch vergessen hat Schwartz nicht. Und deshalb warnt er. Vor allem Jugendliche. Aber auch andere Menschen. „Wenn ich einen gleichalten Herren auf der Straße sehe, frage ich ihn: Was haben Sie während des Zweiten Weltkrieges gemacht?“ Kürzlich antwortete ihm ein Zeitgenosse nicht ohne Stolz: „Ich war bei der Waffen-SS!“ Sie kamen ins Gespräch. Irgendwann eröffnete ihm Schwartz, dass er jüdischer Holocaustüberlebender sei. Die Antwort des anderen: „Dann haben wir aber was falsch gemacht.“

Wegen solcher Zeitgenossen hat Schwartz zusammen mit zehn weiteren Überlebenden kürzlich ein Vermächtnis verfasst. Es endet mit zwei simplen Worten: Nie wieder.

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