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Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen: Biederes Fräulein und finstere Schönheit

Mit ihren Bildern in der DDR-Modezeitschrift zeigen 13 Fotografen markante Frauentypen, deren Habitus weit wichtiger war als das Kleid, das sie trugen. Jetzt kann man sie in den Opelvillen bewundern.
Durchblick bei der Vernissage auf ein Frauenbild von Sven Marquard: cool und mit Kippe. Durchblick bei der Vernissage auf ein Frauenbild von Sven Marquard: cool und mit Kippe.
Rüsselsheim. 

Der Fotograf Michael Weidt saß zur Vernissage ganz vorn mit Blick auf die Fotografien seines Kollegen und Nachfolgers bei der DDR-Modezeitschrift „Sibylle“: 1987 bis nach dem Niedergang der DDR fotografierte Sven Marquardt, Jahrgang 1962, für die Zeitschrift und schuf Inszenierungen wie für die Theaterbühne. Kühl, die Zigarette lässig provokant im Mundwinkel, posiert ein Mannequin, ein anderes kauert im Brautkleid auf der Wendeltreppe eines düsteren Hauses. „Beachten Sie: Das Brautkleid, um das es ging, ist kaum zu sehen“, kommentierte Opelvillen-Kuratorin Beate Kemfert am Sonntag in ihrer Begrüßung zur Vernissage. In der Tat: Das Kleid auf dem Foto ist ein zerknautschtes Etwas, das wohl kaum fürs Leben taugt.

Hervorragend besucht

„Beeindruckend, vor der Vergangenheit zu stehen – vor den eigenen Fotos von damals und auch denen der Kollegen“, sagte Michael Weidt, der neben Sibylle-Fotograf Rudolf Schäfer zur hervorragend besuchten Vernissage gekommen war. 1946 geboren, hatte Weidt das Handwerk der Fotografie bei Arno Fischer, dem ersten und stilprägenden Fotografen der „Sibylle“ gelernt und von 1969 bis 1986 für die Zeitschrift Bilder gemacht.

Vorm Porträt vom Modell Jeannette aus dem Jahr 1986 sagte Weidt im Rückblick: „Ich habe Frauen fotografiert, keine Mode. Mich interessierte es, Charaktere sichtbar zu machen. Und zwar schwarzweiß. Farbe nimmt was weg, Schwarz-weiß ist konzentrierter. Hier die Trotzige, dort die Kesse oder die Frau mit mondäner Ausstrahlung. Das war das Besondere.“ Bis heute lebt und arbeitet Weidt in Berlin – wie damals schon. „Nur eben ganz anders“, sagte er lächelnd.

Während Andreas Krase, Autor im Ausstellungskatalog „Sibylle“ sowie Kustos für Fotografie aus Dresden, in seiner Ansprache eine historische Einordnung der Frauenzeitschrift versuchte („Es gab mit Brigitte und Constanze verheimlichte Schwestern im Westen, doch kündete die Sibylle von einer Schönheit, die zerstob, wenn Frauen sie kaufen wollten“), fokussiert die Ausstellung der Opelvillen den Blick auf die Fotografie als Kunst.

250 Arbeiten

Die 13 Fotografen, die im Wandel der Jahrzehnte für die „Sibylle“ tätig waren, sind mit 250 Arbeiten, chronologisch angeordnet, zu erleben. Und ein Erlebnis ist der Rundgang allemal: Individuelle Handschriften im Flair DDR-typischer Schauplätze sowie mit Schwerpunkt auf der genialen Fotografie Arno Fischers (1927-2011), der nach dem Ende der „Sibylle“ die Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin gründete, macht die Zwitterhaftigkeit der Modefotografie der DDR deutlich. Niemals zeigt Fischer Frauen in Pose. Bewegung und Hintergrund binden den Alltag mit ein.

„Die Fotos sind Zustands- Lebens- und Weltbeschreibungen“, so Kemfert. Bis zuletzt habe die Zeitschrift mit ihrer Fotokunst „kleine Fluchten“ erlaubt und zugleich einen alltagsbezogenen, aber auch experimentierfreudigen Stil gepflegt, der indirekte Botschaften übermittelte – etwa, wenn das Mannequin inmitten einer fauchenden Industrielandschaft abgelichtet wird. Der dem Griechischen entstammende Name „Sibylle“ scheint das Prophetische, das Zwielichte und Doppelbödige dieser famosen Fotografie Ostdeutschlands noch zu unterstreichen, wiewohl er objektiv auf die 2016 verstorbene Gründerin der Zeitschrift, Sibylle Gerstner, zurückgeht. Dass diese Fotografie viele Jahre mit einfachster, fast primitiv anmutender Technik auskam – in einer Vitrine sind Fotoapparate des Fotografen Günter Rössler (1926-2012) zu sehen – macht sie umso staunenswerter. Sie zeichnet Jahrzehnte des Wandels nach – vom biederen Fräulein Sybille zur finsteren, abweisenden Schönheit.

 

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