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Geschichte: Der Tag, an dem die Erde bebte

Von Vor 50 Jahren ereignete sich in der Caltex-Raffinerie in Raunheim ein großes Explosionsunglück. Die Auswirkungen waren bis weit in die Region zu spüren.
Die Verwüstung war verheerend. Bilder > Die Verwüstung war verheerend.
Raunheim. 

Um 10 Uhr am Morgen des 18. Januar 1966 gingen bei den Notrufzentralen in der gesamten Region, bei Feuerwehr und Polizei, ungewöhnlich viele Anrufe besorgter Anwohner ein. Risse hatten sich in Häusern gebildet, ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft. Und über Raunheim breitete sich eine mehr als 100 Meter hohe Rauchsäule aus.

Um 9.56 Uhr nämlich hatte es auf der Südseite des Mains, in der Raffinerie der Firma Caltex, eine gewaltige Explosion gegeben. Ausgelöst wurde sie von einem Feuer in der Äthylenanlage, einem der zentralen Teile des Betriebes. Die war erst 1964 in Betrieb genommen worden und belieferte unter anderem die damalige Hoechst AG mit Äthylen, das für die Kunststoffproduktion gebraucht wurde.

Große Rauchsäule

Die Explosion war in der gesamten Region zu spüren. Das Explosionsgeräusch sei bis Mainz und Frankfurt zu hören gewesen, schrieb damals eine lokale Tageszeitung auf der nördlichen Mainseite. Im gleichen Radius war die mehr als 100 Meter hohe dunkle Rauchwolke zu sehen, die über dem Unglücksort aufstieg. Insgesamt fünf Menschen kamen ums Leben, entweder starben sie gleich bei der Explosion oder später im Krankenhaus an ihren Verletzungen. Über die Zahl der Verletzten gibt es unterschiedliche Angaben, es dürften zwischen 70 und 100 gewesen sein.

Natürlich war sofort die ganze Region in Aufruhr. Ein Schrankenwärter hielt gleich nach dem Unglück alle Züge auf der Bahnstrecke an, die unmittelbar am Werk vorbei führte. Die angrenzende Bundesstraße 43 wurde ebenso gesperrt. Auf dem Flughafen musste eine der Start- und Landebahnen außer Betrieb genommen werden, weil die Rauchwolke die Sicht der Piloten behinderte. Gleichzeitig brausten aus allen umliegenden Orten die Feuerwehren herbei – wobei man wegen der zerstörten Telefonleitungen zunächst gar nicht wusste, was eigentlich passiert war.

In Frankfurt hatte Branddirektor Lothar Knack nur etwas von einer Explosion gehört und auf Verdacht die ersten Löschfahrzeuge losgeschickt. Auf dem Firmengelände erschwerten die sehr niedrigen Temperaturen den Einsatzkräften das Handwerk – das Wasser fror ein, zum Teil noch, bevor es seine Wirkung entfalten konnte. Die Feuerwehr entschied, die Äthylenanlage ausbrennen zu lassen und sich auf den Schutz der benachbarten Anlagen zu konzentrieren. Caltex-Mitarbeiter hatten in letzter Sekunde noch die Berieselungsanlage der in der Nähe platzierten Tanks angeworfen und damit wohl noch Schlimmeres verhindert. „Das Unglück wäre unermesslich gewesen“, so Caltex-Pressesprecher Hans-Henning Kunckel.

Auswirkungen in der Region

Die Auswirkungen reichten bis weit über Raunheim hinaus. Ein Schornsteinfeger wusste zu berichten, dass ihn die Druckwelle der Explosion fast vom Dach eines Hauses in Rüsselsheim gerissen hätte. „Die Bänke bei uns bebten“, erklärte ein Lehrer einer Hofheimer Schule. „Sogar die Türen wurden durch den Luftdruck aufgerissen.“ Sogar aus Hochheim wurden noch Gebäudeschäden gemeldet.

Besonders betroffen war auch Eddersheim. Karl-Dieter Zöller hatte die Explosion am Arbeitsplatz in Wiesbaden gehört und wunderte sich beim Nachhausekommen, dass alle Rollläden geschlossen waren. Bald wurde die Ursache klar: Die Explosion hatte in Eddersheim praktisch alle nach dem Main hin gelegenen Fensterscheiben zerstört. Die Bewohner öffneten die übrigen Fenster, um zu verhindern, dass bei einer möglichen weiteren Explosion noch mehr Schaden entstand. Am Nachmittag war man an vielen Häusern damit beschäftigt, Löcher an den Dächern provisorisch zu stopfen.

Eine Belastung für die gesamte Region sollte die Raffinerie noch Jahre bleiben. Bei der Verbrennung von Produktionsrückständen entstehender Lärm und Luftschadstoffe beeinträchtigen die Lebensqualität; die Bürgerinitiative für Umweltschutz (BFU) entstand 1975 auch wegen dieser Probleme. Die „Knalltex“, wie die Firma seit der Explosion im Volksmund hieß, wurde 1980 stillgelegt und abgebaut.

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