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Beratung von Kindern und Jugendlichen: Gemeindepädagoge: „Schule ist immer mehr ein Ort der Dramen“

Stefan Wehrum berät als evangelischer Gemeindepädagoge seit 18 Jahren Schüler und Schülerinnen bei Problemen. Wie diese mit dem Leistungsdruck umgehen lernen, dafür gibt er positive Impulse.
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KREIS GROSS-GERAU. 

„Können Sie mal kommen? Hilfe, meine Freundin ist verliebt!“ Nach diesem Anruf eilt Stefan Wehrum auf sein Fahrrad und fünf Minuten später steht er am Denkmal im Pausenhof der Immanuel-Kant-Schule in Rüsselsheim. Langsam pirschen sich die Freundinnen an, um sich zu vergewissern: Den Mann gibt’s wirklich, 61 Jahre alt, Schulberater seit 18 Jahren. Montags und dienstags ist er in der zweiten großen Pause im Lehrerzimmer präsent und kommt immer dann zum Einsatz, wenn es heißt: „So kann es nicht weitergehen, aber wie sonst?“ Lösungsorientierte Kurzzeitberatung, zwei bis sechs Kontakte mit Schülern und mindestens einem Elternteil helfen, wenn zum Beispiel in der fünften Klasse der Übergang von der Grundschule zum Gymnasium schwer fällt oder in der siebten und achten Klasse Null Bock auf Leistung Eltern verzweifeln lässt.

Lösung mit Spielfiguren

Sein Büro hat der Gemeindepädagoge seit 30 Jahren im Gemeindehaus der Evangelischen Bonhoeffergemeinde in Rüsselsheim-Haßloch.„Bitte nicht stören“ hängt an der Tür, wenn er sein „Gesprächsangebot und Beratung in Krisen für Schüler, Lehrer und Eltern“ in die Tat umsetzt. An diesem Vormittag kommt das „Familienbrett“ auf den Tisch mit vielen kleinen und großen Holzfiguren. Der Schüler, der mit seiner Mutter bei Stefan Wehrum um Hilfe sucht, setzt sein Ich-Klötzchen neben seine Mutter. Der Vater steht abseits. Eine Gruppe kleiner Klötzchen, die seine Mitschüler symbolisieren, stehen weit weg in einer Gruppe zusammen. Jetzt erzählt der ElfJährige, dass er von seinen Mitschülern beleidigt werde, sich gemobbt fühle und keinen Anschluss finde. „Was brauchst du, damit du dich in der Gruppe wohlfühlen kannst, was brauchst du von deiner Mutter, vom Vater?“ fragt Stefan Wehrum einfühlsam. Ideen werden formuliert auf die Frage: „Was kannst du tun, um dich selbst zu schützen, damit du schließlich zu dem kommst, weshalb du auf der Schule bist, zum Lernen?“

Das Familienbrett macht noch vieles mehr klar: Die Nähe von Mutter und Sohn.Nicht selten, so Wehrum, würden Kinder mit Erwartungen ihrer Eltern überfrachtet. Zuhause werde oft vieles erlaubt. „Nachvollziehbar“,so Wehrum, „dass dieses Kind seine Freiräume auch auf die Schule übertragen will. Aber das Schulsystem funktioniert so nicht – und kann bei 30 Kindern in einer Klasse so nicht funktionieren.“

Wehrum hat in seiner Beratungsausbildung gelernt, in Krisen wie im Einzelfall die Familie als „System“ mit zu bedenken. In einem System wie Familie wird wechselseitig Verhalten beeinflusst. An der Sitzhaltung und am Ausdruck merkt Wehrum bei seinem Gegenüber sofort, ob das, was besprochen wird, ein „Aha“, also eine Entlastung auslöst, oder nicht. Daher weiß Wehrum, dass es darum geht, „den Schalter im Kopf umzulegen.“ Wenn der Schüler oder die Schülerin nicht in den Schulmodus umschalte, komme er oder sie mit dem System nicht klar. Die Abwärtsspirale sei vorgezeichnet: Leistungsverweigerung, Selbstvorwürfe, Leistungsversagen.

Weniger Stress zu Hause

Dann sei schnell das Klassenziel verpasst. „Es geht nicht darum, dass Jugendliche allein gelassen werden, man hat Lehrer, Förderpläne, alle möglichen Unterstützungssysteme. Die allein können aber nicht greifen, solange die Bereitschaft des Schülers nicht besteht, sich auf das Schulsystem einzulassen“, sagt Wehrum. Stefan Wehrum zeigt gedanklich eine Aufwärtsspirale auf und benennt Vorteile, wenn sein Gegenüber sein Verhalten ändere: „Wenn du dich einlässt, gibt es weniger Stress zu Hause, mehr Anerkennung fürs eigene Ego und eine Würdigung deiner Leistungsbereitschaft.“ Und weil im „System Familie“ die Haltung der Eltern nicht unerheblich ist, bekommt auch die Mutter bei diesem Gespräch aufgezeigt: „Viel Reden ist zerreden. Unterstützen Sie ihr Kind: Vokabeln lernen, Hausaufgaben machen, Hausaufgabenheft zeigen lassen und so weiter.“

Der Beratungsbedarf steige, so Wehrum, denn„Schule ist immer mehr Lebensort und damit auch ein Ort der Dramen“. red

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