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Vier "Brennpunkte" im Offenen Brief: Integrierte Gesamtschulen schlagen Alarm: "Die Belastungsgrenze ist überschritten"

Von Mangelnde Wertschätzung, eine falsche Personalpolitik, zu wenig Unterstützung, Überlastung – die Latte der Beschwerden, die die Schulen an das Land richten, ist lang.
Wer assistiert Kindern im Rollstuhl beim Alltag im Schulgebäude? Die Lehrer der Integrierten Gesamtschulen fühlen sich mit diesem und weiteren Problemen alleine gelassen. Foto: Holger Hollemann (dpa) Wer assistiert Kindern im Rollstuhl beim Alltag im Schulgebäude? Die Lehrer der Integrierten Gesamtschulen fühlen sich mit diesem und weiteren Problemen alleine gelassen.
Kreis Groß-Gerau. 

Zehn Integrierte Gesamtschulen aus dem Kreis Groß-Gerau und dem Main-Taunus-Kreis schlagen Alarm. „Mit großer Besorgnis und wachsendem Unmut“ haben die Personalräte der Schulen einen offenen Brief verfasst, in dem sie ihren Sorgen Ausdruck verleihen. Adressiert ist er an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU). „Wir spüren, dass die Lage sich immer weiter verschärft, so dass wir uns ernsthafte Sorgen machen und zwar sowohl um die Qualität der Förderung der Schülerinnen und Schüler als auch um die Motivation und Gesundheit der Beschäftigten“, schreiben die Lehrer. Es klaffe eine Lücke zwischen der Darstellung der Schulwirklichkeit durch die Hessische Landesregierung und die Wahrnehmung der konkreten Arbeitsbedingungen.

Vier "Brennpunkte" haben die Pädagogen in ihrem Offenen Brief benannt.

  • Besetzung von freien Lehrerstellen

Seit „einigen Jahren“ seien die Schulen mit der ständigen Ausweitung befristeter Arbeitsverträge konfrontiert. Ersatzeinstellungen an den Integrierten Gesamtschulen und zusätzliches Personal aufgrund neuer Aufgaben würden in vielen Fällen nur noch befristet vorgenommen. „Auch dann, wenn es sich um Daueraufgaben handelt.“ Da an anderen Schulen Einstellungen in Beamtenverhältnisse möglich seien, würden Stellen an den Gesamtschulen oft nur mit Mitarbeitern ohne abgeschlossene Lehrerausbildung besetzt werden können. „All dies führt zu einer großen Fluktuation, die viele Maßnahmen der Schul- und Unterrichtentwicklung erschwert oder unmöglich macht“, heißt es in dem offenen Brief. Die Lehrer fordern deshalb mehr Verlässlichkeit und zusätzliche Planstellen.

Aus dem hessischen Kultusministerium heißt es, dass man die Vorwurf genau prüfen müsse. Es seien gerade seit dem vergangene Jahr viele neue Stellen geschaffen worden. Dabei sei es vorgekommen, dass „aufgrund von Unwissen oder speziellen Situationen vor Ort neue Lehrkräfte zunächst befristet eingestellt wurden“. Seitens des Kultusministeriums sei aber immer wieder darauf hingewiesen worden, dass neue Lehrkräfte auf zusätzliche Stellen unbefristet einzustellen seien.

  • Schulische Förderung von geflüchteten Jugendlichen und Seiteneinsteigern

Trotz zusätzlicher Stellen für Intensivklassen, die in der Vergangenheit eingerichtet wurden, „arbeiten viele unserer Kollegen am Limit“, monieren die Personalräte. Zu große Lerngruppen, deren Zusammensetzung zudem noch ungünstig sei und ein zu geringes Stundenvolumen – so lauten die konkreten Beschwerden. „Dazu kommen Belastungen durch Traumatisierung und die ständige Angst vor Abschiebung.“ Die Lehrer fordern sozialpädagogische Unterstützung, kleinere Gruppen und eine Doppelbesetzung der Intensivklassen. Ungelöste Probleme gebe es beim Übergang von den Intensivklasen in die Regelklassen und bei der Anschlussförderung.

In seiner Reaktion verweist das Kultusministerium auf viele neue Stellen, die „vor allem für die Integration und Beschulung der zusätzlich nach Hessen gekommenen Flüchtlinge und Zuwanderer“ geschaffen worden seien: Rund 800 im Jahr 2016 und in diesem Jahr noch einmal 1100 Stellen.

  • Wege zur Inklusion in der Schule

Bei jenen Lehrern, die sich schon länger mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen, sinke die Motivation – die Belastungsgrenze sei überschritten, so die Personalräte. Kritisiert wird, dass das aus Sicht der Lehrer erfolgreiche Modell des „gemeinsamen Unterrichts“ inzwischen durch andere Modelle abgelöst wurde. „Alle Rahmenbedingungen, die zum Gelingen des gemeinsamen Unterrichts beigetragen haben, gehören durch bewusstes und zielstrebiges Handeln der Landesregierung der Vergangenheit an“, heißt es in dem offenen Brief. Kleinere Lerngruppen, mehr sonderpädagogische Fachkräfte und deren feste Verankerung in den Kollegien – so lauten die Forderungen. „Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit“ sei auch beim Thema Teilhabeassistenz gefragt. Eine Beratung durch Förderschulkräfte sei zwar hilfreich, aber nicht ausreichend.

Das Ministerium entgegnet, dass der „Gemeinsame Unterricht“ in der Vergangenheit nur an wenigen Schulen umgesetzt worden und ein „Konzept der Vergangenheit“ sei, ungeeignet zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. „Inklusion ist zu allererst ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, dessen Umsetzung an den Schulen behutsam erfolgt. Konzeptionell haben wir mit der Einrichtung von Modellregionen begonnen“, so das Ministerium. Inklusion sei darüber hinaus seit diesem Jahr „eines der Prio-Themen der Lehrkräfte-Fortbildung“.

  • Wertschätzung der pädagogischen Konzeptionen Integrierter Gesamtschulen

Immer wieder ignorierten oder konterkarierten Entscheidungen des Ministeriums die Konzeptionen von Gesamtschulen, so die Personalräte: „Die mangelnde Wertschätzung und Beachtung der Arbeit der Integrierten Gesamtschulen nehmen wir auch als Geringschätzung und Abwertung unserer Arbeit wahr.“

Auch dazu bezieht das Ministerium Stellung. „Wir sind stolz auf eine vielfältige Schullandschaft, die auf die Begabungen der Schüler genauso Rücksicht nimmt, wie auf die Wünsche ihrer Eltern.“ Die Arbeit der Lehrkräfte, „selbstverständlich auch an den Integrierten Gesamtschulen“, werde außerordentlich geschätzt.

Unterzeichnet haben den offenen Brief die Personalräte der IGS Kelsterbach, der Anne-Frank-Schule in Raunheim, der Alexander-von-Humboldt-Schule in Rüsselsheim, der IGS Mainspitze, der Bertha-von-Suttner-Schule in Mörfelden-Walldorf, der Martin-Buber-Schule in Groß-Gerau, der Martin-Niemöller-Schule in Riedstadt, der Johannes-Gutenberg-Schule in Gernsheim, der Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach und der Heinrich-von-Brentano-Schule in Hochheim.

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