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Öffentlicher Raum: Kein leichtes Pflaster für die Kunst

Lebt Rüsselsheim? „Ja, Rüsselsheim lebt. Und könnte noch lebendiger sein“, sagt Tamara Dauenhauer, 2016 Förderstipendiatin der Stadt. Mit Kunstaktionen will die Kulturwissenschaftlerin zu authentischem, couragiertem Denken und Handeln ermutigen.
Stein auf Stein gegen die Monotonie des automatisierten Achtstundentags. Die Perfomancekünstlerin Tamara Dauenhauer setzt bei ihren Aktionen immer wieder industrielle oder urbane Orte in Szene. Stein auf Stein gegen die Monotonie des automatisierten Achtstundentags. Die Perfomancekünstlerin Tamara Dauenhauer setzt bei ihren Aktionen immer wieder industrielle oder urbane Orte in Szene.
Rüsselsheim. 

Tamara Dauenhauer (34) balancierte kürzlich im Rahmen des Kultursommers am Kunstpfad über einen Weg aus Eierschalen: Im Ballettrock aus Eierschalen schritt sie diesen zu selbst komponierter Klaviermusik ab. Pantomimisch die Angst vor jedem neuen Schritt nachzeichnend – „Was zerbricht? Zerbrechen Eierschalen oder zerbricht mein Leben?“, balancierte Dauenhauer vier Stunden lang wortlos vor und zurück. Parallel dazu trug Künstlerkollege Matthew F. Edney, der wie Dauenhauer in Berlin lebt, mit Bedacht ein rohes Ei auf einem Löffel hin und her. Das Publikum reagierte irritiert, belustigt oder enthusiastisch: „Wo sind die Fernsehkameras? Das müsste es jeden Tag geben“, rief Dauenhauers Künstlerfreund Steffen Jobst.

Im Gespräch mit der Zeitung sagt Tamara Dauenhauer: „Ich habe nicht Kunst sondern Kulturwissenschaften studiert, weil’s mir nicht darum geht, Künstlerin zu sein, sondern Wirkung zu zeitigen. Hinter meiner Arbeit steht der Wille, zu verstehen, wie Leben und Menschen funktionieren.“ Und: „Nicht wissenschaftlich, sondern künstlerisch will ich Fragen und Anregungen in die Gesellschaft integrieren. Kunst ist Auseinandersetzung mit der Sinnfrage auf ästhetischer Ebene. Sie stellt sich dem irren Tempo der automatisierten Tage entgegen.“

International tätig

Als kühne, innovative Fragestellerin arbeitet Tamara Dauenhauer mit internationalen Künstlern in Performances zusammen, ist in vielen Sparten unterwegs – etwa auch in der Videokunst. In Rüsselsheim, ihrer Heimatstadt, sorgen ihre Aktionen freilich auf andere Weise für Aufsehen als in Berlin, sagt sie lächelnd. „Ja, Rüsselsheim lebt, könnte aber noch lebendiger sein. Dennis Grieser hat als Kulturdezernent viel bewegt, ist offen. Ich finde es sehr gut, dass es den Kunstpfad gibt und auch, dass kritische Köpfe wie Steffen Jobst Teil des Kultursommers sind“, sagt Tamara Dauenhauer.

Indem sie industrielle, urbane und vernachlässigte Orte in den Fokus rückt, hat Dauenhauer seit 2004 schon einige aufsehenerregende Performances in die Stadt gebracht. 2017 etwa stapelte sie mit Matthew F. Edney bunte Plastikbausteine auf dem Bahnhofsvorplatz, um ein spielerisches Zeichen gegen die würdelose Monotonie der Achtstundenschichten in der industriellen Produktion zu setzen. Mancher kommentierte, dies sei „kindisch“, andere kamen ins Nachdenken. „In Rüsselsheim Kunst zu machen, ist nicht so easy. Ich mache mich vorher frei davon, wie meine Aktion ankommt, lasse mich von Publikumsbeschimpfung nicht irritieren.“

Gewollte Irritation

Die Irritation, die ich auslöse, ist aber grundsätzlich positiv, geht in die richtige Richtung“, sagt Dauenhauer. Mit ihren Performances, die sie in Berlin häufig im öffentlichen Raum zeigt, verstehe sie sich als Gestalterin des Augenblicks, des Lebendigen, sagt sie. „Wie aus subjektiver Erfahrung in der Darstellung vor Publikum eine Kettenreaktion wird, also ein Schmetterlingseffekt entsteht, das interessiert mich“, so Dauenhauer. In Nachbereitung setzt sie eigene Erfahrungen und Publikumsreaktionen in Videokunst um, die auf ihrer Facebook-Seite dokumentiert ist. „Es steckt immer diese Kraft und Lust dahinter, das Leben anzupacken. Vielleicht bin ich ja einfach eine Querulantin?“, meint sie und lacht.

Doch dann setzt sie hinzu: „Die Leute sind im Kern durch die Aktionen verunsichert. Ich spiegele im Grunde ihre eigene Angst vor jedem Schritt und ich meine, dass gerade für Rüsselsheim solche Aktionen wie das Eierschalenballett wichtig sind. Jeder kann was machen, wenn er couragiert ist. Ich traue dem Mensch viel – ja, alles zu. Für mich selbst erweitern Selbst- und Fremdwahrnehmung der Performances den Horizont ungemein.“

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