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Novemberpogrome: Marsch der Menschlichkeit

In Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 zogen am Montag auch in der Kreisstadt Hunderte Menschen im Schweigemarsch zur ehemaligen Synagoge. Dekanin Birgit Schlegel sprach mahnend von inneren und äußeren Grenzen – gestern und heute.
Hunderte Menschen ziehen im Schweigemarsch durch die Kreisstadt: Sie erinnern an die Nazi-Verbrechen gegen Juden und warnen zugleich vor Ausgrenzung Andersdenkender. Auch Prälat-Diehl-Schüler tragen das Banner. Foto: Charlotte Martin Hunderte Menschen ziehen im Schweigemarsch durch die Kreisstadt: Sie erinnern an die Nazi-Verbrechen gegen Juden und warnen zugleich vor Ausgrenzung Andersdenkender. Auch Prälat-Diehl-Schüler tragen das Banner.
Groß-Gerau. 

Dekanin Birgit Schlegel schlug in ihrer Ansprache am Montagabend mahnend den Bogen über zwei markante, historische Novembertage hinweg ins Heute.

Am ehemaligen Platz der jüdischen Synagoge sprach sie zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 vor zahlreichen Zuhörern. Sie erinnerte an die Nacht vom 9. auf den 10. November, als in Nazi-Deutschland die Synagogen brannten. Auch in Groß-Gerau. Und sie sprach eindringlich von den jüdischen Mitbürgern, die beschimpft, verspottet und leiblich wie seelisch grausam verletzt wurden. „Von nun an ging es für sie ums nackte Überleben, um Flucht, um hastigen Aufbruch.“ Schlegel sagte: „Bis heute haben wir keine wirkliche Antwort darauf, wie all dies geschehen konnte.“

Hintergrund: Diskriminierung schlug in Verfolgung um

Die Wissenschaft spricht heute nicht mehr bloß von der sogenannten Reichspogromnacht (9. auf 10. November 1938), sondern von den Novemberpogromen. Diese dauerten vom 7. bis zum 13. November.

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Zugleich erinnerte Birgit Schlegel an den 9. November 1989, als im geteilten Deutschland die Mauer, jene Folge der Abgrenzungspolitik als Resultat aus dem Zweiten Weltkrieg, fiel. „Es geht um Grenzen, um innere und äußere Grenzen. Einmal um erbarmungslose Ausgrenzung, ein anderes Mal um ihre glückliche Aufhebung. 1989 brach nach zwei Diktaturen in Deutschland die erste Nacht des Friedens an.“

Die Worte der Dekanin, die das Gedenken an die Reichspogromnacht mit brandheißer Aktualität aufluden, fanden unter den Zuhörern, die im Schweigemarsch durch die Stadt zum Platz der ehemaligen Synagoge gezogen waren, Zustimmung.

Nicht genug mit der Erinnerung an den Mauerfall, Schlegel skizzierte sodann die jetzige Situation: „Auch heute spielen Grenzen wieder eine Rolle, wird nachgedacht über Abgrenzung. Viele Menschen wollen zu uns kommen, hoffen auf Frieden, auf Glück. Bedenken wir: Kein Mensch verlässt freiwillig die Heimat.“ Nachdrücklich fragte sie: „Werden wir wieder Grenzen ziehen? Innen, außen? Nationalistische Töne in Europa machen Sorge, denn es geht wieder gegen das Fremde.“

Sie zitierte die biblische Losung des Vortags: „Als Einheimischer soll euch der Fremde gelten.“ Und resümierte: „Woher kommt es, wenn manche sagen, das Boot sei voll? Wenn sie sagen, mehr Menschen könnten wir nicht aufnehmen? Ist es Angst? Ist es Bequemlichkeit? Stattdessen sollten wir den Reichtum sehen, der uns in den Ankommenden begegnet, sollten zurückblicken, um beherzt nach vorn zu sehen.“

Die Dekanin legte gemeinsam mit Bürgermeister Stefan Sauer (CDU) einen Kranz vor der Erinnerungstafel an die niedergebrannte Synagoge nieder. Würdevoll war die musikalische Umrahmung durch den Posaunenchor der Stadtkirchengemeinde, aufrüttelnd war zudem die Lesung dreier Schüler der Prälat-Diehl-Schule (PDS), die bezeugte, dass auch die Jugend sich intensiv mit geschichtlicher Aufarbeitung beschäftigt.

Die Schüler zitierten Martin Niemöller, der zu den wenigen Christen gehörte, die der Nazidiktatur Widerstand boten: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen. Ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen. Ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen. Ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Die PDS-Schüler Viola, Julia und Jakob, die auch dem Schweigemarsch das Transparent zum Gedenken an die Pogromnacht vorausgetragen hatten, pointierten die große Fassungslosigkeit mit Worten Dietrich Bonhoeffers: „Sahen wir nicht, dass es Christus war, der in den geringsten unserer Brüder verfolgt und geschlagen wurde?“ Eine Frage, die eingedenk heutiger Ablehnung Fremder mit Ausrufezeichen versehen werden muss.

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