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Studie: Medizin-Start-Up sucht an IKS nach Erkenntnis

Mitarbeiter eines baden-württembergischen Medizin-Start-Ups haben Schüler der Immanuel-Kant-Schule vermessen, um deren Gang zu analysieren. Doch warum macht die Firma das ausgerechnet in Rüsselsheim?
Elisa läuft an der zweiten Station über eine Metall-Platte. Elisa läuft an der zweiten Station über eine Metall-Platte.
Rüsselsheim. 

In den vergangenen drei Wochen haben Mitarbeiter eines baden-württembergischen Medizin-Start-Ups 90 Schüler der Immanuel-Kant-Schule vermessen, um Erkenntnisse über deren Gang zu gewinnen. Die Firma will so ein orthopädisches Produkt weiterentwickeln, um es möglichst weit gefächert zu vertreiben. Doch ist eine Schule tatsächlich der richtige Ort, um solch eine Studie durchzuführen? Aber der Reihe nach.

Zuerst muss jeder Schüler einen Sehtest machen und einige Fragen zu möglichen Vorerkrankungen beantworten. Alle Daten, auch zu Alter, Geschlecht, Größe oder Gewicht, werden anonymisiert gespeichert, versichert Studienkoordinator Yanik Riffel. Danach gehen die Jugendlichen, die sich alle freiwillig zur Teilnahme an den Tests gemeldet und die Zustimmung ihrer Eltern eingeholt haben, über eine Metall-Platte. Hier soll die Fußstellung erfasst werden.

Schülerin Elisa macht an der ersten Station den Sehtest. Firmen-Mitarbeiterin Heike Gallas hilft. Bild-Zoom
Schülerin Elisa macht an der ersten Station den Sehtest. Firmen-Mitarbeiterin Heike Gallas hilft.

An der nächsten Station werden bestimmte Muskelgruppen der Schüler mit acht Elektroden versehen. Dann müssen sie zehnmal in einem mit Stellwänden abgeteilten Bereich auf- und abgehen. Eine spezielle Software misst dabei das Myogramm – also die Kontraktion der Muskeln – beim Gehen. Die letzte Station diene zum Scannen des Fußes mit einem Scanner, so Yanik Riffel. „Wir können danach den Fuß zunächst virtuell in 3 D darstellen und im Anschluss sofort unser orthopädisches Hilfsprodukt mit einem 3 D-Drucker ausdrucken“, erklärt der Studienkoordinator. Das Produkt habe zwar noch keinen Namen, werde aktuell von den Mitarbeitern jedoch als „Augmentation“ bezeichnet.

Ethikkommission

Ziel der Studie sei es, Normwerte für die Muskelaktivierung an Beinen, Hüfte und Körper beim Gehen zu bestimmen und den Einfluss von Alter und Geschlecht zu erfassen. So soll die „Augmentation“ weiterentwickelt werden, so Riffel. Die Ergebnisse der Studie sollen dann einer Ethikkommission vorgelegt werden, so dass das Hilfsprodukt im Idealfall Ende des Jahres, nach Abschluss des Verfahrens, eine Zulassung erhalte, sagt der Studienkoordinator. Vertrieben werden soll das Hilfsprodukt dann auf dem freien Markt, sagt Yanik Riffel.

So weit, so gut. Doch stellt sich die Frage, weshalb das Unternehmen, das von dem Hals-Nasen-Ohrenarzt Lutz Dürrschnabel geführt wird, für diese Studie extra nach Rüsselsheim reiste. Dem Vernehmen nach sind die 90 Kant-Schüler die ersten Probanden, deren Daten in der Studie gesammelt werden. Weiterführende Informationen über das Unternehmen findet man im Internet allerdings nicht.

Auf die Frage, warum die in Baden-Württemberg bei Karlsruhe ansässige Firma an eine hessische Schule komme, um ihre Studie durchzuführen und nicht Schüler in der Heimat vermesse, gibt Yanik Rüffel zu: „Es war in Baden-Württemberg schwierig, eine Schule zu finden.“ Organisatorische Gründe werden genannt. Der Kontakt mit der Rüsselsheimer Immanuel-Kant-Schule sei durch die Studiendirektorin des Gymnasiums, Sibylle Heimsch, zustande gekommen.

Sportler profitieren

Schulleiter Rainer Guss gibt zu Protokoll: „Dr. Dürrschnabel ist im November auf uns zugekommen und hat uns seine Studienidee vorgestellt. Wir haben uns daraufhin entschlossen, ihn in seiner Forschung zu unterstützen.“ Besonders die Schüler des Sport-Leistungskurses hätten von ihrer Teilnahme an der Studie profitiert, stellt Sibylle Heimsch klar, die Lutz Dürrschnabel als einen alten Studienfreund bezeichnet.

„Sie konnten so in der Realität sehen, wie die Messung einer Bewegungsserie verläuft. Wir haben Schüler, die bereits mit einer Sportverletzung zu kämpfen haben. Durch die Auswertung ihrer Messdaten können Defizite im Gangbild aufgedeckt werden. Mit diesem Werten kann dann die Erstellung eines individuellen Trainingsprogramms erfolgen“.

Die Schüler gehen nicht leer aus, sie werden für ihre Bemühungen belohnt: Es heißt, dass alle Schüler, die an der Vermessung ihres Gangbilds teilnähmen, im Gegenzug eine Auswertung ihrer erfassten Daten erhalten, so Yanik Riffel. „Wenn wir etwas sehen, was behandlungsbedürftig ist, bieten wir ihnen ein Gespräch mit Dr. Dürrschnabel an“, so der Studienkoordinator weiter.

Tatsächlich behandele der HNO-Arzt seine Patienten bereits mit dem orthopädischen Hilfsprodukt und das mit Erfolg, berichtet Yanik Riffel. Aus diesem Grund strebe er nun auch dessen Zulassung an. Für ihre Kooperationsbereitschaft erhalte die Schule in Form einer Spende zudem einen Hand-Scanner und einen 3 D-Drucker. „Den Scanner und den 3 D-Drucker können die Schüler dann im Unterricht nutzen“, sagt Yanik Riffel.

Als nächstes wollen die Mitarbeiter des Medizin-Start-Ups nun ältere Probanden suchen. Dazu wollen sie allerdings wieder zurück nach Baden-Württemberg fahren.

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