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Kontroverse Kunst-Debatte: Taugt Physiker Fuchs als Vorbild?

Kunst soll provozieren, Missstände aufzeigen und im Idealfall zur Diskussion anregen: Das zumindest ist Achim Weidner mit seinem Vorschlag für die „Leuchtenden Vorbilder“ gelungen. Die Frage, ob der in Rüsselsheim geborene Kernphysiker Klaus Fuchs ein Teil des Kunstwerkes im Rathaus werden soll, wird zurzeit kontrovers debattiert.
Vorbilder für Politiker: Im Ratssaal hängt Vollrad Kutschers Werk „Leuchtende Vorbilder“ und wartet auf Zuwachs. Foto: Robin Göckes Vorbilder für Politiker: Im Ratssaal hängt Vollrad Kutschers Werk „Leuchtende Vorbilder“ und wartet auf Zuwachs.
Rüsselsheim. 

Rüsselsheim. Noch bis Ende Oktober können Rüsselsheimer Vorschläge für das Kunstwerk „Leuchtende Vorbilder“ machen. Letztlich soll das Abbild einer bedeutenden Persönlichkeit im Ratssaal der Stadt neben den bisherigen fünf „Leuchtenden Vorbildern“ hängen. Doch wer passt in die Reihe von Adam und Sophie Opel? Und muss er das überhaupt, oder sind es nicht gar die Brüche, die Kunst erst ausmachen? Das alles wird vermutlich in den kommenden Wochen intensiv diskutiert werden.
Einen zumindest kontroversen Beitrag zur Debatte leistet der ehemalige Stadtverordnete Achim Weidner. Er will den wegen Spionage verurteilten und den Kommunisten beigetretenen Kernphysiker Klaus Fuchs vorschlagen. Kritisch sieht das beispielsweise der Historiker und Geschichtslehrer an der Immanuel-Kant-Schule, Franz Horvath.

Zwischen Wissenschaft und Spionage

Der Kernphysiker Klaus Fuchs wurde im Dezember 1911 in Rüsselsheim geboren. Sein Vater war Sozialdemokrat und lutherischer Theologe. Fuchs hatte drei Geschwister.

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Die Streitfrage ist schnell aufgezeigt: Darf ein Anhänger des Sowjetregimes und ein Spion in Rüsselsheim ein Vorbild sein – gar noch als Mahnung für demokratisch gewählte Stadtverordnete? Historiker Horvath hat dazu eine klare Meinung: „Klaus Fuchs hat sein Leben lang gegen die Demokratie gearbeitet“, sagt er. Es sei zwar noch nachvollziehbar, dass er vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges Informationen zur Entwicklung der Atombombe von den Engländern und Amerikanern an die Sowjetunion weitergegeben habe, doch dass er sich auch nach 1945 dem Sozialismus verschrieben habe, sei ein inhaltliches Ausschlusskriterium für ein leuchtendes Vorbild. Immerhin habe er damit zumindest indirekt die blutige Niederschlagung der Aufstände von 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn unterstützt. „Halb Europa wurde von den Sowjets unterjocht. Tausende Menschen wurden ermordet, Hunderttausende mussten ihre Heimat verlassen“, begründet der Geschichtslehrer.

Mitglied im Zentralkomitee

1967 sei Fuchs sogar Mitglied des höchsten Parteiorgans der SED, des Zentralkomitees, geworden. Damit sei er Protagonist der ostdeutschen Diktatur gewesen. „Kann jemand, der jahrzehntelang kein einfacher Mitläufer, sonders tragende Säule des DDR-Unterdrückungsapparates war, für ,beispielhaftes Handeln und Wirken’ ausgezeichnet werden“, fragt Horvath. Der promovierte Historiker nennt zudem ein formales Argument: Klaus Fuchs sei lediglich 1911 in Rüsselsheim geboren worden, habe aber die Stadt im Alter von sechs Jahren verlassen. „Es gibt keinen Anhaltspunkt, dass Fuchs nach 1917 jemals wieder in Rüsselsheim gewesen war“, so Horvath.

Einseitiger Blickwinkel auf Fuchs

Die Gegenposition vertritt Achim Weidner, der – neben anderen – den Physiker Fuchs aktuell wieder ins Gespräch gebracht hat. „Klaus Fuchs wird zu einseitig gesehen. Sein Wirken auf die Spionage zu verkürzen, reicht nicht aus“, entgegnet Weidner der Kritik. Fuchs habe den Forschungsstand in Sachen Atombombe an die Sowjetunion weitergeben, um gegen das Hitler-Regime zu kämpfen. Schließlich seien etliche damals führende Wissenschaftler im Dienste der Nationalsozialisten gewesen, die zudem noch über den Zugang zu einer Uranmine verfügt hätten.

Die Atombombe habe es nicht deshalb gegeben, weil Klaus Fuchs die Forschungsergebnisse verraten hat, sondern weil die Deutschen sie wollten, so Weidner. Der bekennende Christdemokrat hat sichtlich Spaß an dem Diskurs über seinen Vorschlag und stellt eine interessante Verbindung her: Der aktuell von den USA verfolgte Edward Snowden sei ja letztlich auch ein Spion, werde aber von vielen als Held verehrt, weil er die Praktiken des US-Geheimdienstes NSA aufgedeckt hätte. Mit Blick auf Fuchs sagt Weidner: „Dann können sich die jungen Rüsselsheimer in den Schulen genau mit dieser Frage auseinandersetzen.“

Hintergrund: Die „Leuchtenden Vorbilder“

1998 gewann der Frankfurter Künstler Vollrad Kutscher den Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung des Rüsselsheimer Ratssaals. In seiner Arbeit „Einen Bogen spannen mit leuchtenden

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Weidner selbst bezeichnet Fuchs als Widerstandskämpfer, will ihn aber auch nicht positiv verklären. Ihm gehe es durchaus um die kritische Auseinandersetzung mit einer Persönlichkeit, die für die Wissenschaft viel erreicht habe und für einen Teil deutsch-deutscher Geschichte stehe. „In jedem Handy ist ein Teil von Fuchs“, erklärt Weidner. Außerdem gehe es bei den „Leuchtenden Vorbildern“ nicht um Heilige. „Wo Licht ist, ist immer auch Schatten“, begründet Weidner.

Letztlich haben Christdemokrat Weidner und Historiker Horvath auch ein gemeinsames Ziel: Beide wünschen sich eine detaillierte Auseinandersetzung mit Fuchs und eine intensivere Erforschung seines Lebens. Wenn dazu der Vorschlag für die „Leuchtenden Vorbilder“ einen Beitrag leisten könne, sei schon viel erreicht, sagt Weidner. Am Ende entscheidet sowieso eine Jury, welche Persönlichkeit das Kunstwerk im Rathaus ergänzen wird.

Infos zu den „Leuchtenden Vorbildern“ im Internet: www.ruesselsheim.de

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