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Transsexuell: „Umoperieren sagt man nicht mehr“

Typisch Mann, typisch Frau? Der Rüsselsheimer Kim Kibler möchte mit solchem „Schubladendenken“ aufräumen. Er ist transsexuell.
Will die Öffentlichkeit für das Thema Transgender sensibilisieren: der Rüsselsheimer Kim Kibler. Bilder > Will die Öffentlichkeit für das Thema Transgender sensibilisieren: der Rüsselsheimer Kim Kibler.

Kim Kibler fährt sich durch die kurzen, blonden Haare. Wenn er spricht, nestelt er beiläufig an seinem Bart herum. Er achtet auf sein Erscheinungsbild, das sieht man: Strick-Cardigan, elegante Schuhe, Wollmantel. Wer ihn sieht, wird sich vielleicht denken: Hey, der Mann hat Stil! Für Kibler ein wahnsinnig schönes Kompliment – denn er wurde biologisch gesehen als Frau geboren.

Schon früh merkt er, dass er sich eher den Jungs zugehörig fühlt. Im Kindergarten spielt er lieber mit den Jungs Fußball, als in der Puppenecke zu sitzen. Als die Pubertät einsetzt, ist das für ihn eine Prüfung, seine weiblichen Merkmale versteckt er unter weiten Klamotten. Sein Äußeres passt er dem an, was er wirklich ist: Er schneidet sich die Haare kurz und verhält sich so, wie er sich fühlt: männlich.

Seine ersten Beziehungen zu Frauen gleichen einem Versteckspiel, denn die Mädchen, mit denen er sich trifft, wissen nichts von seinem Geheimnis. „Ich bin nicht lesbisch, denn ich bin ja auch keine Frau“, erzählt er. Zu mehr als einem Kuss kommt es selten, zu groß könnte die Enttäuschung bei der Partnerin sein. „Im Internet dagegen konnte ich sein, wer ich bin und meine Identität leben“, sagt er. Dieses Doppelleben habe ihm gut getan, so Kibler.

Outing mit 18 Jahren

Trotzdem weiß er, dass er sich verändern will, wenn er glücklich sein möchte. Der Körper soll der sexuellen Identität im Kopf folgen. Seine Familie steht hinter ihm, keiner seiner Freunde verurteilt ihn. Selbst seine Großmutter, vor der ihm das Outing als Trans-Mann mit 18 Jahren am schwersten fällt, geht locker mit der Situation um. „Meine Mutter war schon betroffen und hat sich schwer getan, meine Entscheidung zu akzeptieren“, gibt der heute 34-Jährige zu. Mit der Zeit sei aber die Erkenntnis gekommen, dass das Glück ihres Kindes davon abhängen würde. „Ich hatte Glück mit meinem sozialen Umfeld“, sagt Kibler.

2013 beginnt er die Hormontherapie, ein Jahr später lässt er sich die Brust abnehmen. Wenn er früher schwimmen gehen wollte, sei das eine Tortur gewesen. „Innerhalb von Sekunden musste ich mein T-Shirt ausziehen und dann ab ins Wasser, sonst hätte ich mich nicht mehr überwinden können“, erzählt der Rüsselsheimer. Mit einem Ohr sei er immer sensibel für die Tuscheleien Fremder gewesen. Dass sofort darüber geredet wurde, wie der „Kerl“ in Baggypants sich im Schwimmbad durch ein sportliches Bikini-Oberteil als Frau entpuppt, habe ihn schon belastet. Die erste Operation sei deshalb ein wahnsinnig wichtiger Schritt gewesen. „Das erste Mal als Mann shoppen zu gehen, endlich schmal geschnittene Hemden statt kaschierende Shirts zu kaufen, war wunderbar“, erzählt er.

Von Schwarz-Weiß-Unterscheidungen hält Kim Kibler nichts. „Es gibt kein richtiges Männlich oder Weiblich“, sagt er. „Die Gesellschaft drängt uns in diese Extreme.“ Seine wichtigste Werte sind Respekt, Loyalität und Aufrichtigkeit. Dinge, für die er steht, „meine Zielführung im Leben“. Ansprüche, die er an sich selbst hat, aber auch an andere. „Wir müssen noch viel lernen“, meint er.

Den Horizont erweitern

Das Thema Transsexualität und der Umgang damit sei noch immer nicht bei allen angekommen. „Bei uns Menschen muss alles immer in Schubladen gesteckt werden“, so Kibler. Alles, was nicht in diese Schubladen eingeordnet werden kann, sei für die Gesellschaft schwer zu handhaben. Offen darüber zu reden und so vielleicht den Horizont mancher Menschen zu erweitern, sei deshalb für ihn das Selbstverständlichste.

Deshalb hat der Kommunikationsdesigner für sein Zwischendiplom 2013 seine und die Erfahrungen anderer Transgender fotografisch festgehalten. Neben den Fotos steht neben Namen und Alter auch, wann der „neue Lebensabschnitt“ für die Portraitierten begann – die wahre sexuelle Identität also öffentlich gelebt wurde.

Für Kibler ist der Weg zum erfüllten Leben fast schon gegangen: Der Name in offiziellen Dokumenten ist geändert, das Mädchen im falschen Körper existiert praktisch nicht mehr. Nur die geschlechtsangleichende Operation steht noch aus. „Umoperieren sagt man ja zum Glück eigentlich nicht mehr“, sagt Kim Kibler und lächelt. Etwas in der Gesellschaft bewege sich langsam also doch.

Transsexualität – was ist das?

Als transsexuell bezeichnet man Menschen, die ,im falschen Körper geboren’ sind – also beispielsweise jemanden, der mit männlichen Geschlechtsorganen zur Welt gekommen ist, sich aber als Frau fühlt.

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