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Unsicherheit, nicht Überzeugung

Der Ausstieg vor dem Einstieg in die rechte Szene ist Ziel des Projektes „Rote Linie“, seit 2010 Teil eines Bundesprogramms für Demokratie. Torsten Niebling referierte im Rahmen des Hessischen Beratungsnetzwerkes gegen Rechtsextremismus über den mühsamen Weg, Jugendliche vorm braunen Sumpf zu bewahren.
Rettungsanker: Torsten Niebling referiert im Landratsamt über Ausstiegshilfen für Jugendliche, die in rechtsextreme Kreise geraten sind. Das Projekt „Rote Linien“ unterstützt Betroffene und Familien im Rahmen des Beratungsnetzwerkes gegen Rechts. Foto: Charlotte Martin Rettungsanker: Torsten Niebling referiert im Landratsamt über Ausstiegshilfen für Jugendliche, die in rechtsextreme Kreise geraten sind. Das Projekt „Rote Linien“ unterstützt Betroffene und Familien im Rahmen des Beratungsnetzwerkes gegen Rechts.
Kreis Groß-Gerau. 

Das Einstiegsalter in die rechte Szene liege bei 14 Jahren, es handele sich um Jugendliche unterschiedlichster sozialer Herkunft, referierte Torsten Niebling auf Einladung des Kreisnetzwerks gegen Rechtsextremismus. Integrationsbeauftragte Sedef Yildiz begrüßte Niebling, der das Konzept „Rote Linie“ in Trägerschaft des St. Elisabeth-Vereins Marburg als Teil des Beratungsnetzwerkes Hessen gegen Rechts vorstellte. Seit 2010 bemüht sich mit der „Roten Linie“ hessenweit ein professionelles Team, Jugendliche mit rechtsaffinen Tendenzen vorm Abrutschen in den brauen Sumpf zu bewahren.

 

Leichte Beute rechter Demagogen

 

Niebling sagte: „Die rote Linie bezeichnet die Grenze, die zwischen sympathisierenden Mitläufern der rechten Szene und solchen, die in Funktionen und Strukturen bereits fest eingebunden sind, verläuft.“ Zunächst sei es eine „diffuse rechte Orientierung“ von Teenagern, die sie zur leichten Beute rechter Demagogen mache.

„Der Reiz, sich rechten Cliquen anzuschließen, liegt in der vermeintlichen Kameradschaft. Du wirst anerkannt, fühlst dich als ganzer Kerl“, so Niebling. Gefragt, ob es eine Charakteristik besonderer Anfälligkeit für rechte Rattenfänger gebe, verneinte Niebling: „Man kann nicht sagen, es seien vor allem Jugendliche mit prekärem sozialen Hintergrund, es sind auch Söhne und Töchter aus gut situierten Häusern dabei.“ Was aber macht junge Menschen zur Beute rechtsaffiner Haltungen? Niebling: „Es sind keine politischen Überzeugungen, sondern emotionale Anlässe, es sind Unsicherheiten. Es ist wie bei der Verliebtheit. Die Jugendlichen sind stur, wollen nichts Kritisches hören, verlieren zugleich ihre alten Kontakte, verändern sich in ihrem Verhalten.“

Niebling verhehlte nicht, wie schwierig es sei, Zugang zu rechtsaffinen Jugendlichen zu bekommen. Die Persönlichkeit sei noch nicht gefestigt, die Empfindlichkeit hoch. Genau an dem Punkt sehe die rechte Szene ihre Chance, indem sie „Erlebnisräume und Anerkennung“ biete – durch Musik, Wagemut, gemeinsame Codeworte und „starke“ Kleidung.

„Es ist ein Gegenentwurf zu den Anforderungen des Erwachsenwerdens. Du bist plötzlich wer.“ Nachgefragt, was zu tun sei, wenn Eltern merken, die 14-jährige Tochter zeigt rechte Tendenzen, hört rechtsradikale Musik, äußert sich ausländerfeindlich und beklebt ihre Taschen mit rechtsextremer Symbolik, empfiehlt Torsten Niebling professionelle Unterstützung, möglichst schnelle Erstberatung. „Gut ist es, wenn Eltern wachsam bleiben, wenn sie sich fachliche Hilfe suchen, um frühzeitig zu intervenieren. Scham ist verkehrt. Je später der Ausstieg aus der rechten Szene, desto mühsamer und auch gefährlicher.“

 

Geduldige Kleinarbeit

 

Gut sei es auch, wenn Schulfreunde desjenigen, der sich entfremdet und isoliert, dran bleiben – etwa in dem Sinn: „Wir mögen dich, aber nicht das, was du neuerdings sagst.“ Nieblings Referat macht deutlich, dass es mühsame, geduldige Kleinarbeit ist, Jugendliche vor dem Schritt über die „Rote Linie“ zu bewahren.

Stress in Familien, Dauerkrach sowie die Frage nach Schuld, die sich Eltern stellen („Was haben wir falsch gemacht?“), seien schwer erträgliche Begleiterscheinungen. Einen kühlen Kopf zu bewahren, um auf erste Irritationen des Jugendlichen zu warten, die ein vernünftiges Intervenieren und sachliche Diskussion ermöglichen, gelinge da kaum. Mit Zahlen und Fakten zur Interventionsarbeit des Projekts „Rote Linie“ konnte Torsten Niebling nicht aufwarten, es gebe in Hessen mehrere Elterngesprächskreise, offen aber nicht öffentlich, es gebe intensive Netzwerkarbeit mit Jugendinstitutionen, Schulen, Therapeuten, Vereinen. „Viele lokale Multiplikatoren tragen ihre Puzzleteile bei.“

Für Erstansprache sowie Fragen zu Elternberatung, Jugendarbeit und Bildungsangeboten ist die „Rote Linie“ unter (0 64 21) 8 89 09 98 zu erreichen. Internet: www.rote-linie.net.

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