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Experten finden 3000 Substanzen: Viele Stoffe verunreinigen das Grundwasser

Grundwasser wenige Meter unter der Oberfläche ist im Ried bundesweit am stärksten belastet. Das Trinkwasser hat eine gute Qualität – doch wie lange noch?
Die Zuhörer im Kulturcafé. Vorne, die Zweite von links, ist Landespolitikerin Ursula Hamann (Grüne). Foto: Peter Mikolajczyk Die Zuhörer im Kulturcafé. Vorne, die Zweite von links, ist Landespolitikerin Ursula Hamann (Grüne).
Kreis Groß-Gerau. 

Der Schwarzbach, der bei Ginsheim in den Rhein mündet, galt einst als „das giftigste Gewässer Deutschlands“. So bezeichnete das Nachrichtenmagazin Spiegel den rund 43 Kilometer langen Zufluss in einer Titelgeschichte vor drei Jahrzehnten.

Jetzt gibt es einen weiteren Negativrekord im hiesigen Raum: Das Grundwasser im Hessischen Ried gilt „bundesweit als am stärksten mit Spurenstoff-Einträgen belastet“. Zu diesem Urteil kommt Dr. Peter Seel, Mitarbeiter des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie. Grund dafür seien die Einleitungen aus Kläranlagen in die Oberflächengewässer.

Der Wissenschaftler referierte auf Einladung der Vizepräsidentin des Hessischen Landtages, Ursula Hammann (Grüne), im Saal des Kulturcafés. Thema war ein Projektbericht, der Mitte des vergangenen Jahres von dem Landesamt erstellt wurde. Dessen Inhalte seien aber kaum in der Öffentlichkeit bekannt, so Seel.

Ernüchternde Ergebnisse

Die Ergebnisse dieser Studie sind ernüchternd: Dort heißt es, dass das Grundwasser im Hessischen Ried mit organisch-chemischen Stoffen belastet sei, die in kommunalen Abwässern und Abwässern aus Industrie-Kläranlagen enthalten sind.

„Dabei spielt die besondere geologische Situation eine wesentliche Rolle“, erklärte Seel. Weil es in diesem Gebiet an größeren Fließgewässern mangele, erfolgten Einleitungen aus Kläranlagen wie Langen, Weiterstadt, Griesheim und Darmstadt. Deren Wasser landet laut Seel „größtenteils unverdünnt“ in den vorhandenen Oberflächengewässern.

Dadurch gelangen schlecht abbaubare Stoffe in das Grundwasser. Von dort werden sie weitertransportiert – auch zu den Tiefbrunnen von Hessenwasser. Das Unternehmen versorgt Millionen Menschen im Rhein-Main-Gebiet mit frischem Trinkwasser.

„Noch besteht keine Gefahr“, so der Referent. „Das Trinkwasser hat eine gute Qualität“ – wie zur Bestätigung gönnte sich Ursula Hammann einen Schluck aus der Leitung. Doch die Situation müsse ernst genommen werden. Denn wie sie sich in einigen Jahren darstelle, könne heute niemand sagen. „Die Schadstoffe arbeiten sich tiefer in den Boden“, warnte Seel.

In 15 Metern Tiefe habe man schon Schadstoffe nachgewiesen – die Brunnen von Hessenwasser fördern allerdings in 60 bis 70 Metern Tiefe. „Aber was einmal im Erdreich ist, kann man nicht mehr herausholen“, so Seel. Das gelte beispielsweise für Diclofenac, den Rückstand eines Schmerzmittels. Das Vorkommen dieses Stoffes sorgte bereits dafür, dass zwei Brunnen in Dornheim stillgelegt werden mussten.

Alarmierend seien die Ergebnisse ergänzender Untersuchungen. Diese hätten gezeigt, dass die Konzentration der Belastungen im Grundwasser weitaus höher sei, als in sonstigen chemischen Analysen erkennbar. So wurden laut Seel etwa „3000 Moleküle von Stoffen gefunden, die man teilweise analytisch gar nicht erfassen konnte“.

Merck mischt mit

Im Tiefbrunnen vier des Wasserwerks Dornheim sind mehr als 230 Stoffe registriert worden, die dem industriellen Abwasser der Pharma-Firma Merck zugeordnet werden konnten. Außerdem habe man rund 270 weitere Stoffe erkannt, die aus kommunalen Kläranlagen stammen. „Um welche chemischen Verbindungen es sich dabei handelt und welche toxikologische Bedeutung diese haben, ist unbekannt“, so Seel. Für nahezu alle gefundenen Stoffe gibt es keine Grenzwerte in der Trinkwasser-Verordnung.

Gibt es Auswege? „Der Bau einer Rohrleitung bis zum Rhein wäre einer“, so Seel. Damit würde das Wasser der Kläranlagen direkt in den Fluss geleitet. Doch das kommt nicht infrage. Denn das Kläranlagen-Wasser wird gebraucht, damit große Gebiete im Sommer nicht austrocknen.

So verbleibt nur die Modernisierung der Kläranlagen, etwa durch Aktivkohlefilter. Technisch sei das schon lange möglich und bei Werken, die die Bevölkerung entlang des Rheins mit Wasser aus dem Fluss versorgen, erprobt.

Ursula Hammann ergänzte, dass Hessen ein Programm aufgelegt habe, um Kommunen beim Ausbau der Kläranlagen zu unterstützen. „Das Geld darf aber nicht irgendwo im Land versickern, sondern muss zuerst dorthin fließen, wo es am meisten benötigt wird – nämlich ins Ried“, so Hammann.

Hier erfordere die Situation rasches Handeln. An die betroffenen Kommunen, zu denen auch Darmstadt gehört, erging die Aufforderung, umgehend aktiv zu werden. Denn die Grundwasser-Situation vertrage keinen Aufschub mehr.

 

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