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Diskussion um das Wirken von Klaus Fuchs: Vorbild oder Verräter?

Kein anderer Vorschlag für die „Leuchtenden Vorbilder“ im Rüsselsheimer Ratssaal wird so kontrovers diskutiert, wie Klaus Fuchs: Atom-Spion, Physiker und gebürtiger Rüsselsheimer. In der Alten Synagoge wurden nun Argumente für und gegen Fuchs ausgetauscht.
An dieser Wand könnte bald das Konterfei von Klaus Fuchs aufleuchten. Zumindest, wenn die Jury so entscheidet. Foto: Robin Göckes An dieser Wand könnte bald das Konterfei von Klaus Fuchs aufleuchten. Zumindest, wenn die Jury so entscheidet.
Rüsselsheim. 

Die Debatten über den Vorschlag des ehemaligen Stadtverordneten Achim Weidner, Klaus Fuchs als „Leuchtendes Vorbild“ zu benennen, sind vor allem auf Facebook aktuell eher hitzig und teilweils ausufernd. Ganz im Gegensatz dazu verlief die Diskussionsrunde im Anschluss an die Lesung des Fuchs-Biographen und ehemaligen DDR-Diplomaten Ronald Friedmann ruhig und respektvoll ab. Veranstalter Achim Weidner, der dazu eigens die Räumlichkeiten in der alten Synagoge angemietet hatte, zeigte sich über den Verlauf der Veranstaltung sehr zufrieden: „Die Lesung war in meinem Sinne ein voller Erfolg“, resümierte Weidner am nächsten Tag.

 

Zwei Historiker im Streitgespräch

 

Wortführend in der Diskussionsrunde war Franz Horvath, promovierter Historiker und Lehrer an der Immanuel-Kant-Schule, der seine bereits im September vorgebrachten Argumente gegen Fuchs als „Leuchtendes Vorbild“ noch einmal zusammenfasste. Biograph und Fuchs-Fan Ronald Friedmann tat dabei, in einer Debatte Historiker gegen Historiker, sein Bestes, um die von Horvath vorgebrachten Argumente zu widerlegen. Ob ihm dies gelungen ist, muss schlussendlich die Jury entscheiden, die Ende November über die Vorschläge für das nächste „Leuchtende Vorbild“ berät.

In der alten Synagoge berichtete Ronald Friedmann ausführlich über das Leben und Wirken von Klaus Fuchs. Auch seinen eigenen Werdegang stellte der Autor kurz vor. Er sei ein ostdeutscher Historiker und war zu DDR-Zeiten im Auftrag der Regierung lange Zeit als Diplomat in Lateinamerika tätig, so Friedmann. Nach der Wende habe er zunächst nicht gewusst, was er nun beruflich machen solle, habe sich aber schnell auf seine wissenschaftlichen Wurzeln besonnen: die Geschichtsforschung. So kam er dazu, das Leben des wenig bekannten Kernphysikers Klaus Fuchs zu erforschen. Er habe dazu in Akten des amerikanischen Geheimdienstes gelesen und mit dem noch lebenden Umfeld von Klaus Fuchs Kontakt aufgenommen.

Er wolle sich in die Entscheidung der Jury nicht einmischen, so der Historiker, doch er würde es sehr begrüßen, wenn Fuchs als „Leuchtendes Vorbild“ ausgewählt werden würde. Friedmann freute sich zudem, dass er „als Ost-Wissenschaftler zu einer Debatte im Westen eingeladen worden sei.“

 

In jungen Jahren umgezogen

 

In seinen Ausführungen ging er auf die Kindheit von Fuchs ein, der sieben Jahre in Rüsselsheim verbracht hatte, bis sein Vater, Pastor in der evangelischen Gemeinde, mit der Familie über Eisenach nach Kiel zog.

Eines der Gegen-Argumente Franz Horvaths zu Fuchs ist es, dass dieser lediglich in Rüsselsheim geboren wurde, die Stadt jedoch in frühester Kindheit verlassen habe. Friedmann entgegnete dem, dass der Kernphysiker später mindestens zweimal in seine Geburtsstadt zurückgekehrt sei, um sich über die Veränderungen dort zu informieren. Zudem habe die Zeit in Rüsselsheim Fuchs maßgeblich geprägt, habe er doch die ersten Bombenangriffe während des Ersten Weltkriegs hier erlebt und so seine „Abscheu gegen den Krieg und die Kriegstreiber entwickelt.“

Friedmann argumentierte weiter, Klaus Fuchs sei nie ein Spion gewesen, sondern ein „früher Edward Snowdon“.

Dass es nachvollziehbar sei, dass Fuchs Ende des Zweiten Weltkriegs Informationen zur Entwicklung der Atombombe von den Engländern und Amerikanern an die Sowjetunion weiter gebeben hatte, sagte Horvath bereits im September. Doch er habe sich auch nach 1945 dem Sozialismus verschrieben und sei damit als „Leuchtendes Vorbild“ ungeeignet, so Horvath weiter.

Eine Gegenposition dazu nahm auch Achim Weidner ein, der Fuchs als Widerstandskämpfer sieht und anregte, dass Historiker im Stadt- und Industriemuseum die im Rahmen des Projekts „Leuchtende Vorbilder“ vorgeschlagenen Personen wissenschaftlich einordnen sollten. Weder die zehnjährige Haft, die er aufgrund seiner Spionagetätigkeit verbüßen musste, noch die Zugehörigkeit zum SED-Regime seien Argumente gegen Fuchs als „Leuchtendes Vorbild“.

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