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Kultur: Wenn aus Bildern plötzlich Töne werden

In der Stadtkirche gibt es derzeit eine Veranstaltungsreihe mit Orgelkonzerten. Diese sollen zur Finanzierung der anstehenden Orgelrestaurierung beitragen. Das letzte Konzert war nicht nur etwas für die Ohren, auch den Augen wurde etwas geboten.
Zwei Künstler, ein Projekt: Organist Evert Groen und Malerin Sabine Pillwitz-Schaum. Zwei Künstler, ein Projekt: Organist Evert Groen und Malerin Sabine Pillwitz-Schaum.
Rüsselsheim. 

Ein tiefer vibrierender Ton erfüllt die Stadtkirche, er ist fast körperlich zu spüren. Dann setzen sich nach und nach höhere Töne wie Farbtupfer darauf. Erst wenige, dann mehr, und so langsam schält sich eine bekannte Melodie aus den Tönen heraus. „Some-
where over the Rainbow“ erklingt – vertraut und doch ganz anders als gewohnt. Der Verursacher der Klänge sitzt über den Köpfen der rund 30 Besucher des Konzerts, an der Orgel der Stadtkirche.

Es ist der Riedstädter Organist Evert Groen, der mit großer Spielfreude improvisiert. Inspiriert wird sein Spiel vom Bilderzyklus „Infinitus Focus“ (Endloser Blick) der Künstlerin Sabine Pillwitz-Schaum. Die acht Gemälde stehen aufgereiht auf Holzstaffeleien vor dem Altar. Kaltes Türkis und warmes Orange sind die dominierenden Farben, sie leuchten den Zuhörern entgegen, die nun wiederum versuchen können, die Töne den Bildern zuzuordnen.

Verborgenes entdecken

Bei der Begrüßung erläutert Groen kurz, wie er beim Betrachten der Bilder zu seinen Ideen gekommen ist. Verborgenes habe er entdecken wollen, erklärt er. Im dritten Gemälde der Reihe erkenne er einen Kometen, der auf uns zukomme, fährt er fort, „da könnte es etwas moderner werden“. Beim nächsten Bild würden hohe Töne erklingen, kündigte er noch an, bevor er beteuert, dass die letztendliche Melodie ganz spontan entstehen würde.

Nun können die versammelten Musikfreunde erleben, wie die Orgel von zartem Vogelzwitschern über das krawallartige Lärmen einer Kirmes-Drehorgel zu Bach’scher Klarheit wechselt, um im nächsten Moment einen Tango zu Gehör zu bringen, gefolgt von Gospel und Pop. Immer wieder blitzen bekannte Melodien auf, die im nächsten Moment wieder verschwinden. Die bekannten Weisen werden von Groen zerlegt, neu zusammengesetzt, anders weitergeführt und so zu Teilen seiner eigenen Gesamtkomposition.

Pillwitz-Schaum berichtet vor dem Konzert, dass es für sie eine aufregende Zusammenarbeit sei, denn: „So etwas Spannendes habe ich mit meinen Bildern noch nie gemacht.“

„Es war überraschend“, erklärt sie jetzt, nachdem der letzte Ton verklungen ist. Aber man müsse auch zulassen, dass jeder eine andere Sicht auf Kunstwerke habe. „Mir ist wichtig, dass die Betrachter meiner Bilder ihre eigenen Erfahrungen und Fantasien mit einbringen“. Beim Zuhören habe sie schon neue Gemälde vor ihrem geistigen Auge gesehen, verrät die Malerin erfreut.

Unter den Besuchern ist auch Ina Jansen, eine Freundin der Künstlerin. Ihr habe besonders das Verspielte gefallen, das Groen aus der Orgel gezaubert habe. „Es war sehr angenehm zu hören“ lobt sie. Es überrasche sie, wie anders die Bilder, die sie schon bei Pillwitz-Schaum Zuhause gesehen habe, nun hier in der Kirche wirkten.

Wahrheit und Forschung

Die Gemälde entstanden im Jahr 2001 für eine Ausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstler Südhessen. Sie haben die Suche des Menschen nach Wahrheit mithilfe der Wissenschaft zum Thema. Pillwitz-Schaum habe sich damals mit jedem weiteren der acht Bilder tiefer in das vorherige Motiv hineingezoomt, erläuert sie. So wie auch die Wissenschaft immer tiefer eindringe in Objekte sowie Prozesse und Unsichtbares sichtbar mache. Trotz ihrer Begeisterung für die Forschung erinnerte die Künstlerin auch an deren große ethische und moralische Verantwortung. „Man sollte sich fragen, ob man wirklich alles erforschen muss, was technisch möglich ist“, mahnte sie.

Das nächste Konzert in der Stadtkirche findet am 22. April statt. Ab 19 Uhr wird unter dem Titel „I Himmelen“ Skandinavische Chormusik geboten. Unter der Leitung von Kantor Jens Lindemann singen die Dekanatskantorei Rüsselsheim und der Evangelische Kirchenchor Hochheim.

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