Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Ernährung: Wie aus einem Fleischesser ein Veganer wurde

Veganer sind mangelernährt und wollen immer alle Nicht-Veganer missionieren? Die Vorurteile sind überholt und überflüssig, findet Mattis Schneider. Wir haben ihn in seiner WG besucht, in der er mit zwei Fleischessern lebt.
In seiner Freizeit stöbert Mattis Schneider gerne in Kochbüchern, um sich neue Ideen zu holen. In seiner Freizeit stöbert Mattis Schneider gerne in Kochbüchern, um sich neue Ideen zu holen.
Rüsselsheim. 

Mattis Schneider steht in der Tür, in der Hand einen Teller mit etwas, das lecker riecht und nach Gemüse aussieht. „Kichererbsen-Grünkohl-Auberginen-Mix“, sagt er grinsend. Dann bietet er Tee an: „Schwarz, mit Hafermilch?“ Dass er damit direkt in die vegane Klischee-Kerbe haut, weiß er genau. Macht aber nichts, er steht dazu. Seit einem Dreivierteljahr lebt er vegan: Er verzichtet auf alle tierischen Produkte in der Ernährung. Klingt unmöglich? „Quatsch“, sagt Schneider.

Die Umstellung erfolgt brutal: „Ich war ein Normalfresser“, stellt er fest. Bio habe er zwar schon gekauft, „weil mich Billig-Fleisch angeekelt hat“. Aber der Auslöser kam durch seine Schwester, deren vegane Koch- und Backkünste ihm zeigten, dass es auch anders gehen kann. „Was da auf dem Tisch stand, war irre“, erzählt er.

Zwei Optionen

Seitdem hat er sich umfassend informiert, und schnell stand fest: „Es gab nur zwei Optionen: Weitermachen, aber wissen, dass es falsch ist – oder den richtigen Weg einschlagen.“ Mit „falsch“ meint Mattis Schneider nicht nur die ethische Problematik der Tierhaltung und -schlachtung, sondern auch die Auswirkungen des Fleischverzehrs auf Klima und Gesundheit.

Dass Veganer automatisch im Sport abbauen, widerlegt er als lebendes Beispiel. Er betreibt Kampfsport auf Wettkampf-Niveau und ist fit, „ich merke keinen Unterschied zu vorher“, sagt er. Natürlich, gibt er zu, gehe der Wandel nicht von heute auf morgen: „Man muss sich informieren, es ist ein Prozess.“

In dem Zusammenhang kann er auch Menschen verstehen, die sich gelegentlich vegane Salami kaufen. Trotzdem: Mehr als ein Übergang für den Umstieg stellt das für ihn nicht dar. „Mein Einkaufswagen ist eigentlich nur grün“, gibt er zu. „Hauptsache frisch“ ist sein Motto, dazu kommen Getreideprodukte und Nüsse für Kohlenhydrat- und Eiweißversorgung.

Nicht nur Schneiders Essverhalten hat sich verändert, er nimmt auch viel öfter den Kochlöffel zur Hand. „Früher habe ich nicht viel gekocht, jetzt stehe ich ständig am Herd“, erzählt er. Dadurch habe er auch viel übers Kochen gelernt und probiere mehr aus.

Das überträgt sich auf seine Mitbewohnerin, die sich von ihm öfter inspirieren lässt: „Wenn sie mir über die Schulter guckt, erkläre ich ihr, welche Zutat wie verwendet wird und wofür sie im Körper gut ist“, sagt Schneider, der sich als Vorbild versteht. Bei seinem anderen Mitbewohner dagegen, erzählt er schmunzelnd, habe er keine Chance. „Der ist schmerzfrei und brät weiter seine Würstchen. Das ist aber auch okay.“

Verurteilung anderer Lebensweisen sei auf keinen Fall der richtige Weg – der Ansicht ist Schneider nach wie vor, obwohl er von vielen Menschen genau das erfährt, wenn seine Ernährung zur Sprache kommt. „Die ersten Reaktionen sind oft sehr negativ, viele Leute greifen einen persönlich an. Manche machen Witze, aber das geht zum einen Ohr rein, zum anderen raus“, so der 24-Jährige.

Zum Nachdenken anregen

„Da bringt es nichts herumzudiskutieren.“ Missionieren sei auch gar nicht sein Anspruch. „Die einzige Möglichkeit, die Vorteile von Veganismus zu vermitteln, ist Leichtigkeit. Wenn jemand ernsthaft interessiert ist und fragt, erzähle ich gerne was und rege damit zum Nachdenken an.“

Dogmatismus ist für ihn außerdem keine Option: Bei selbst gebackenem Kuchen greift er schon mal zu, auch wenn er weiß, dass Eier darin sind: Aus Höflichkeit, aus Genussgründen – „und einfach, weil ich darauf Bock habe“. Man könne im vielleicht nie komplett ökologisch korrekt sein, aber jede Verbesserung sei etwas Gutes. „Mir ist es wichtig, die Welt durch mein Konsum- und Essverhalten nicht noch schlimmer zu machen.“

 

Mehr aus Rüsselsheim

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse