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Zeichen gegen Rechts: Wie soll diese Halle heißen?

Von Großsporthalle heißt die Sportstätte am Evreuxring, seitdem der alte Namensgeber nicht mehr tragbar war. Die Suche nach einem neuen Paten gestaltet sich schwierig.
Großsporthalle Rüsselsheim Großsporthalle Rüsselsheim
Rüsselsheim. 

Die bebaute Fläche von mehr als 5600 Quadratmetern kann sich sehen lassen. Insofern trägt die Rüsselsheimer Großsporthalle einen Namen, der passt. Pragmatisch ließe sich das nennen – oder langweilig. Stehen doch oftmals Persönlichkeiten für derlei Gebäude Pate, die Großes geleistet haben, zumindest aber für die Region von gewisser Bedeutung sind. Letzteres trifft auf Walter Köbel zweifellos zu. War er doch von 1954 bis zu seinem Tod 1965 Rüsselsheimer Bürgermeister. Die Krux an Köbel ist jedoch, dass er als Jurist zuvor bereits unter den Nazis Karriere gemacht hatte. Ein Umstand, der vor einigen Jahren durch das Gutachten eines Historikers ins öffentliche Bewusstsein gelangte. So entschieden die Stadtverordneten sich im Jahr 2013 für die heutige Bezeichnung.

Zeichen gegen Rechts

Eine gewerkschaftlich gestützte Initiative hatte damals dazu aufgerufen, die Halle nach einem anderen Walter zu benennen: Walter Rietig. Der Opelaner wurde wegen seiner Regimekritik von den Nazis ermordet. Jetzt bekräftigt der Chef des DGB-Ortsverbands, Bernd Schiffler, die Forderung von damals: „Wir sind der Meinung, dass der Name Walter Rietig als Zeichen gegen Rechts gut in die Zeit passen würde.“

„Leuchtendes Vorbild“

Als „leuchtendes Vorbild“ schmückt das Portrait von Walter Rietig seit dem Jahr 2001 den Rüsselsheimer Rathaus-Saal. In der Kunstaktion des Frankfurter Malers Vollrad Kutscher sind die

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Franz Horváth sieht das anders. Der promovierte Historiker, der an der Immanuel-Kant-Schule Geschichte und Ethik unterrichtet, sähe es lieber, wenn die Halle nach einem Sportler benannt würde. Ins Spiel bringt er die ehemalige Rüsselsheimer Hockey-Nationalspielerin Britta Becker. „Warum kann man eine Sporthalle nicht nach einem Sportler benennen?“, fragt er. Einen Rüsselsheim-Bezug müsse es aber nicht unbedingt geben. „Es gibt so viele tolle, vergessene und auch unterschätzte deutsche Sportler“, gibt Horváth zu bedenken.

Dass die Halle nicht mehr nach Walter Köbel benannt ist, findet Horváth nachvollziehbar. Jedoch sehe er keinen Grund, die Halle nach Rietig zu benennen. Er sei kein Widerständler gewesen im Sinne einer wissenschaftlichen Definition, argumentiert der Historiker. Dies hätte vorausgesetzt, dass Rietig aktiv auf den Sturz des Regimes hingearbeitet hätte. Und dafür gebe es keine belastbaren Belege. „In der Literatur werden zwei Jahreszahlen hervorgehoben. 1934 und 1935 war Rietig Mitglied einer illegalen Betriebszelle bei Opel. Aber in keiner Publikation steht, was er dort gemacht hat“, erzählt Horváth. Man wisse lediglich, dass die Mitglieder verhaftet wurden, Rietig sich aber nicht unter den Verhafteten befand.

Krieg kritisiert

Ein weiteres Ereignis beziehe sich auf die Jahre 1941 und 1942. Zu dieser Zeit soll Rietig den Krieg und den Umgang mit den Juden kritisiert sowie geäußert haben, dass die Sowjetunion siegen werde. Verbindungen zu sowjetischen Kriegsgefangenen soll er ebenfalls unterhalten haben. „Das war auch schon alles. Das waren im Prinzip Meinungsäußerungen, die sich allenfalls als Protest deuten lassen“, ist Horváth überzeugt. Auch dass Rietig Berichte der BBC an seine Kollegen bei Opel weitergeleitet haben soll, sei noch kein Akt des Widerstands.

Für DGB-Ortsverbandschef Bernd Schiffler kommt es darauf allerdings gar nicht an. Entscheidend ist für ihn, dass Rietig ein Opfer des Faschismus gewesen sei. Historiker Horváth bediene mit seiner Argumentation das „falsche Klientel“.

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