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Umfahrung gegen Durchgangsverkehr: Das sagen Anlieger zur neuen Straße in Wöllstadt

Heute gegen 16 Uhr ist es soweit: Ein Flatterband wird durchschnitten, und zum ersten Mal können Autos über die neun Kilometer lange Umgehungsstraße von Wöllstadt rollen. Doch Anwohner trauen der angekündigten Ruhe noch nicht. Die Menschen in Wöllstadt haben Hoffnungen, aber auch Befürchtungen.
Peter Dangelmaier zeigt an der Shell-Tankstelle auf die Noch-B3 am südlichen Ortsrand von Nieder-Wöllstadt. Sie wird ab Mitte September bis etwa Jahresende gesperrt. Peter Dangelmaier zeigt an der Shell-Tankstelle auf die Noch-B3 am südlichen Ortsrand von Nieder-Wöllstadt. Sie wird ab Mitte September bis etwa Jahresende gesperrt.
Wöllstadt. 

Familie Röthig: Seit Jahrzehnten betreibt Familie Röthig ein kleines Lebensmittelgeschäft an der Hanauer Straße in Ober-Wöllstadt. Die neue Umgehungsstraße bereite ihr „mehr Sorgen als Freude“, bekennt Sabine Röthig. „Es ist schon laut hier“, sagt sie.

Sabine und Dirk Röthig Bild-Zoom
Sabine und Dirk Röthig

Doch sie und ihr Mann Dirk würden es deutlich im Geldbeutel spüren, wenn keine Handwerker und Vertreter mehr auf der Durchfahrt vor dem Nahkauf halten und mal eben Zigaretten oder Brötchen und Cola kaufen. Die Stammkunden allein könnten den Laden kaum am Leben halten.

Sabine Röthig hat aber Hoffnung: „Ich glaube nicht, dass es hier sehr viel ruhiger wird. Denn wer von Assenheim oder Ilbenstadt kommt und über die K 11 nach Rosbach und zur Autobahn will, der fährt weiter durch Ober-Wöllstadt und wird nicht den Umweg über die neue B3 machen.“ Höchstens dann, wenn die Ortsmitte allzu stark verkehrsberuhigt würde. Und das fänden die Röthigs nicht gut.

Weniger Autoverkehr auf der Hanauer Straße hätte auch Vorteile, meint Dirk Röthig. „Ich hoffe, dass die Eltern dann wieder Mut haben, ihre Kinder alleine rauszuschicken.“ So, wie es sein sollte.

Reinhardts am Schmalwiesenweg: „Das Haus hier haben wir 1976 gekauft“, sagt Heidemarie Reinhardt. „Dann wurde es grausam.“ Mit den Jahren rollten immer mehr Motorräder, Autos und voll beladene Lastzüge nur Zentimeter am Wohnhaus vorbei. Es steht in Nieder-Wöllstadt an der zentralen Kreuzung. Den Zugang zur Ilbenstädter Straße musste das heutige Rentner-Ehepaar Reinhardt durch eine massive

Heidemarie und Fritz Reinhardt Bild-Zoom
Heidemarie und Fritz Reinhardt

Ziegelmauer verschließen. Die Gefahr war zu groß, beim Verlassen des Grundstücks überfahren zu werden. Zweimal fuhren bisher Autos Teile der Mauer kaputt. Und der Lärm! Das Ehepaar hat sich auf eigene Kosten stark dämmende Fenster einbauen lassen. Dennoch scheppere immer mal der Rollladen, wenn ein Lastzug vorbei fährt. Das ganze Grundstück vibriert dann. Rund um die Uhr dröhnt der Verkehr an diesem Treffpunkt von fünf Straßen (Ilbenstädter, Friedberger, Frankfurter, Eisenbahnstraße und Schmalwiesenweg). Täglich befahren nach Verkehrszählungen etwa 30 000 Autos die Kreuzung.

Abends und an Wochenenden proben Motorrad- und Sportwagenfahrer hier gern den Alarmstart, sagt Heidemarie Reinhardt. „In den Schmalwiesenweg brettern die auch mal mit 80 Sachen rein, obwohl hier nur Tempo 30 erlaubt ist. Da fliegen einem die Ohren fort.“ Ab heute soll das anders werden. An der Kreuzung soll es praktisch keinen Durchgangsverkehr mehr geben. Doch die Reinhardts können sich nicht vorstellen, dass es wirklich leise wird. Trotzdem hat Fritz Reinhardt schon mal eine Campingliege auf den betonierten Hof gestellt.

Der Apotheker: Rouzbeh Noushinfar freut sich überhaupt nicht auf die neue Umgehungsstraße. „Ich rechne mit 20 bis 30 Prozent niedrigerem Umsatz“, sagt der Apotheker. Denn etliche seiner Kunden an der Frankfurter Straße 52 in Nieder-Wöllstadt seien auf der Durchreise. Und hielten spontan an, um ein Schmerzmittel, Vitamintabletten oder die vom Arzt verordneten Medikamente einzukaufen. Die kommen nicht mehr, befürchtet der aus dem Iran stammende Pharmazeut, wenn die Umgehungsstraße fertig ist. Erst recht, wenn die Frankfurter Straße bald monatelang zur Sackgasse wird.

Apotheker Rouzbah Noushinfar Bild-Zoom
Apotheker Rouzbah Noushinfar

Die Apotheke gibt es an dieser Stelle schon seit 1960, und es ist die einzige in der knapp 6200 Einwohner zählenden Gemeinde. Wenn alle Wöllstädter sich bei ihr versorgen würden, könnte das die Verluste durch die Umgehungsstraße kompensieren. Rouzbeh Noushinfar würde sich darüber sehr freuen. Er müsse sich sicherheitshalber anderweitig orientieren. Doch lieber sei es ihm, die Apotheke mit den vier Arbeitsplätzen in Nieder-Wöllstadt zu halten. Und den alten Leuten aus dem Ort längere Wege zu ersparen.

Der Cafébetreiber: Erst im vorigen März haben Michael und Sylvia Meisinger die erste Eisdiele Nieder-Wöllstadts, „Lifti’s“, eröffnet. Sie liegt an der Frankfurter Straße, die momentan noch vom Verkehr durchtost wird, bald aber monatelang Sackgasse sein wird. „Wir haben ja gewusst, was auf uns zukommt“, sagt der Chef (39). Doch als er von der monatelangen Vollsperrung erfuhr, habe er schon schlucken müssen.

Michael Meisinger Bild-Zoom
Michael Meisinger

In den ersten Monaten wurde das mit einer Postagentur und Zeitschriftenladen kombinierte Café in der früheren Schlecker-Filiale gut angenommen. Die Verkehrsberuhigung auf der Frankfurter Straße ist für die Inhaber auch eine Chance: Sie könnten draußen noch ein paar Tische mehr aufstellen. Und es wäre für die Gäste auch leichter, draußen einen Stellplatz fürs Auto zu finden.

Die Brotverkäuferin: Gleich neben der Shell-Tankstelle liegt die „Hinnerbäcker“-Filiale an der Frankfurter Straße. Da arbeitet Katarzyna Pawlinski. „Unsere Kunden machen sich Sorgen, dass wir bald nicht mehr genug Umsatz machen“, berichtet die freundliche Frau.

Katarzyna Pawlinski Bild-Zoom
Katarzyna Pawlinski

Viele kämen auch aus Ilbenstadt und Assenheim, um in Nieder-Wöllstadt Backwaren zu kaufen und an einem der Tische Kaffee zu trinken. Obwohl sie daheim doch auch Bäckereien hätten. Doch die Verkäuferin beruhigt ihre Kunden: Auch mit der Umgehungsstraße werde die Bäckerei-Filiale bestimmt überleben. Die Wöllstädter und die Stammkunden aus den Nachbarorten hätten es ja selbst in der Hand, weiter von ihr, Katarzyna, bedient zu werden.

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