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Nach 32 Jahren: Matthias Schnitzler verlässt das Altenzentrum Heilsberg

Von Nach 32 Jahren verlässt Einrichtungsleiter Matthias Schnitzler das Altenzentrum Heilsberg. In dieser Zeit hat sich das Bild der Pflege deutlich gewandelt, doch für den 64 Jahre alten Schnitzler bleibt eines entscheidend: Der menschliche Kontakt ist wichtiger als Bürokratie und Qualitätsmanagement.
Nach 32 Jahren verlässt Heimleiter Matthias Schnitzler das Heilsberger Altenzentrum. Nach 32 Jahren verlässt Heimleiter Matthias Schnitzler das Heilsberger Altenzentrum.
Bad Vilbel. 

Das Haus in der Pestalozzistraße 10 ist Matthias Schnitzler zum zweiten Zuhause geworden. Im Oktober 1985 hat er die Heimleitung des Heilsberger Altenzentrums übernommen, Ende September ist Schluss. „Ich wollte mit 63 schon gehen“, sagt er, aber er betont, die Heimleitung sei „mit der tollste Beruf, den man sich vorstellen kann – auch, weil die Aufgaben vom Brandschutz bis zum Lebensmittelrecht, vom Baurecht bis zur Mitarbeiterführung reichen. Mit 157 Pflegeplätzen zählt das Heilsberger Altenheim zu den Großen der Branche, ist Teil der Gesellschaft für diakonische Einrichtungen in Hessen und Nassau (GfdE).

Auch wenn sich viele Bad Vilbeler Schnitzler nicht anders, denn als guten Geist der mehrfach umgebauten Wohnanlage vorstellen können – er hatte schon viele andere Jobs, bevor es auf dem Heilsberg losging: eine abgebrochene Lehre als Elektromonteur, eine Bauschlosserlehrer in der Diakonie in Treysa, dann 1971 der Wechsel zum Erzieherberuf. Direkt nach dem Studium des Sozialwesens an der Fachhochschule Kiel holte ihn Ferdinand Klehm, damals Leiter des Kinder- und Jugendheims Heilsberg. Nach einem Praktikum in einem Darmstädter Altenheim übernahm er im Oktober 1985 das Altenzentrum.

Hilfswerk 1961 gegründet

Das Altenzentrum sah damals noch ganz anders aus, erinnert sich Schnitzler. Gegründet wurde das Heim vom evangelischen Hilfswerk 1961, damals noch für Verfolgte nicht jüdischen Glaubens. „In den 1960ern ist man ins Altenheim gezogen, weil es zu Hause keine Unterstützung gab“, erinnert sich Schnitzler. Die Leute waren damals um die 70 Jahre, es war „wie Wohnen mit Vollpension“, die Einzelzimmer hatten nur kaltes Wasser. Die Bewohner waren nur teilweise pflegebedürftig. Das änderte sich 1995 grundlegend mit der Einführung der Pflegeversicherung, welche die häusliche Pflege einführte.

Inzwischen liegt der Altersdurchschnitt der Bewohner bei 86,4 Jahren, die älteste Bewohnerin ist sogar schon 99 Jahre. Auch eine weitere Reform hat Schnitzler miterlebt: die Pflegegrade. Damit sollte der Zeitaufwand für die Pflege berücksichtigt werden, „aber für uns hat sich nicht viel geändert“, sagt Schnitzler: „Wir haben den gleichen Personalschlüssel, es wird nur anders verteilt.“

Trotz des leer gefegten Pfleger-Arbeitsmarktes sei das Heilsberger Heim gut aufgestellt, betont der scheidende Chef: „Wir haben eine Fachkraftquote von 50 Prozent, oft erreichen andere Häuser nur 20 Prozent.“ Die Mitarbeiter kommen aus 15 verschiedenen Ländern. Doch ihr Job sieht heute anders aus, als zu Schnitzlers Anfangszeiten.

Die Bürokratie fordert ihren Tribut, beansprucht heute bis zu einem fünftel von der Arbeitszeit, so Schnitzler. Mit der Professionalisierung wandelt sich auch das Berufsbild der Pfleger. Früher erfolgte die Übergabe auf Zuruf, heute muss alles dokumentiert werden: Von der Medikation bis zum Haare kämmen. Allein die Anleitung zum Betten beziehen umfasse zwei Din-A-4-Seiten, sagt Schnitzler. Das Qualitätsmanagement, das hinter solchen Vorgaben steht, sieht der Heimleiter kritisch. Bei immer detaillierteren Anleitungen sei im Zweifelsfall der Mitarbeiter schuld – „die da oben sichern sich ab“.

Hausvater und Manager

Auch wenn er früher eher Hausvater war und heute Manager, stehen bei ihm die Menschen im Vordergrund. Schon als er anfing, habe er einem Vorgesetzten entgegnet, natürlich dürften die Bewohner Alkohol trinken: „Ich habe keinen Erziehungsauftrag“. Auch stimme es nicht, dass die Menschen im Alter wieder zu Kindern würden. Hinzu komme seine Abneigung gegen Bevormundung, sagt Schnitzler und gesteht: „Ich habe auch die andere Seite kennengelernt. Ich lag zwei Jahre im Krankenhaus, habe 20 OP’s hinter mir.“ Bei den Mitarbeitern komme es ihm nicht nur auf Qualifikation an, sondern auch auf Freundlichkeit, „wie sie auf Menschen zugehen“. Das gelte auch im Umgang mit seinen Mitarbeitern: „Einen Augenblick miteinander geteilt – das ist schon viel“.

Am 1. Oktober übernimmt Uwe Brömmer die Leitung des Altenzentrums, derzeitiger Leiter des Altenstifts Hanau. „Ich kann loslassen“, betont Matthias Schnitzler. „Aber ich werde die Menschen vermissen“, fügt Schnitzler hinzu. Er ist zwar alleinstehend, hat aber künftig mehr Zeit für seine beiden Enkeltöchter und die studierende Tochter. Er möchte die dunkle Jahreszeit in der Türkei verbringen, dort hat sein Bruder ein Haus. Dennoch möchte Schnitzler auch Bad Vilbel verbunden bleiben. Jetzt beginnt die Zeit der Muße. Schnitzler fällt dazu ein Zitat des US-Präsidenten Benjamin Franklin ein: „Ich habe auf meiner Terrasse einen Schaukelstuhl – und nach sechs Wochen fange ich an, zu schaukeln.“

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