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Ausstellung: Und wenn die Welt nicht lustig ist, machen wir sie lustig!

Von Auch ernste Kunst kann unterhalten. Das zeigt das Künstler-Duo Böhler & Orendt seit 2007. Ein kompromisslos tiefsinniges Spaß-Programm, das man jetzt in der Frankfurter Galerie Anita Beckers kennenlernen kann.
Hast du Sorgen, schaffe sie ab: Das „Against all the Cares Mountain Panorama“ von Böhler & Orendt. Abbildungen: Galerie Anita Beckers Hast du Sorgen, schaffe sie ab: Das „Against all the Cares Mountain Panorama“ von Böhler & Orendt. Abbildungen: Galerie Anita Beckers

Das „Against all the Cares Mountain Panorama“ ist eine eher düstere Berglandschaft, auf der irgendjemand mit kindlichem Übermut knallgelbe Lachgesichter verstreut hat: So verwandelt sich die trübsinnige Landschaft, die eine Längswand in der Galerie Anita Beckers bedeckt, in eine geradezu grazil wirkende Gruppe von Lachriesen, die den Betrachter frontal angrinsen. Ein übermütiger Spaß und eine Welterheiterung, die zum Zurücklachen einlädt.

Ästhetischer Verstand

Für das Künstlerduo Böhler & Orendt ist diese Arbeit in gewisser Weise typisch: Sie nimmt die Welt ernst – und lacht laut darüber. Sie ist darüberhinaus unkonventionell, unprätentiös, wirkt, auf den ersten Blick, wie eine Spielerei. Doch auf den zweiten offenbart sich: Da ist viel ästhetischer Sachverstand, Gefühl für Formen und Proportionen. Wer die malerische Pointe so auf den Punkt bringen will, muss viel können.

Dringend nötig: „Bienenhospital“ für kranke Brummer. Bild-Zoom
Dringend nötig: „Bienenhospital“ für kranke Brummer.

Die Zusammenarbeit von Matthias Böhler und Christian Orendt muss man sich wohl als ein neidfreies Miteinander vorstellen. Manchmal sei das wie ein Ping-Pong-Spiel, sagt Böhler, und Orendt ergänzt, dass der eine gelegentlich Werke des anderen nehme und ihnen „eine neue Ebene“ hinzufüge. Das klingt wenig eitel oder nach viel gegenseitigem Vertrauen. Wer mit den beiden spricht, bekommt den Eindruck: Beides trifft zu. Für das „Against all the Cares Mountain Panorama“, Teil einer Serie von Weltverbesserungsentwürfen, haben sich die beiden eine Art Gedankenfigur ausgedacht, die all die gigantischen Probleme dieser Welt mit wahnwitzig überkandidelten Ideen anpackt und in „naiver Hemdsärmeligkeit“ löst.

Dass das Tier mit dem Menschen „nicht so ganz gute Erfahrungen“ gemacht habe, nehmen die beiden zum Anlass, eine begehbare Raumfähre zu basteln, die als galaktische Arche Noah die Flucht vor allem menschlichen Übel antritt. Dass die Bienen sterben, inspiriert sie zu einem Bienenkrankenhaus aus Pappe: „Mit dem abgetakelten Charme von Brutalismus-Bauten“ (Ohrendt) findet man im Erdgeschoss einen Schlafsaal in Wabenstruktur, ein Stockwerk höher ein Bienen-MRT und noch eines darüber eine Sterbekammer mitsamt Leichensack. Das ist wurschtig und detailverliebt in einem, manches funktioniert wie ein Cartoon, der aus Papprollen zusammengeklebte Raketendenkmalschrottplatz etwa, nach dem Vorbild des „Rocket Garden“ in Florida übrigens. In dessen Mitte haben die Komiker-Künstler eine Picknick-Familie mit Mutter, Vater, Kind und Hund gesetzt.

Doppeldeutig: „Weltenenden“, Zeichnung von Christian Orendt. Bild-Zoom
Doppeldeutig: „Weltenenden“, Zeichnung von Christian Orendt.

Auf Kunstmessen hatten Böhler & Orendt jüngst großen Erfolg mit Performances, in denen sie Besucher als „anonyme Wachstumsfetischisten“ Wachstumskurven ausschneiden ließen. Die wurden dann ausgestellt und kistenweise gesammelt, und wer die unglorreiche Idee verfolgte, abwechslungshalber mal eine negative Kurve zu basteln, dessen Werk wurde und kommentarlos entsorgt: Spiegel einer Gesellschaft, die das Wachstum zum gottgleichen Dogma erhoben hat.

Erfrischend anders

An der Kunstakademie in Nürnberg haben sich Christian Ohrendt und Matthias Böhler vor zehn Jahren kennengelernt. Erst arbeiteten sie nebeneinander her, dann verzahnte sich ihre Arbeit immer mehr. Das klingt wir ein organischer Prozess, und so wirken ihre Werke auch. Die Menschen zu beobachten und den Lauf der Welt als lustige Bildnotiz oder Gegengeschichte zur Wirklichkeit zu kommentieren, das tut gut in einem Kunstbetrieb, der sich selber viel zu oft viel zu bierernst nimmt. Böhler & Orendt sind erfrischend anders, heiter und gut.

Galerie Anita Beckers

Braubachstraße 9, Frankfurt.
Bis 10. März. Geöffnet Di–Fr
14 bis 18.30 Uhr, Sa 12 bis 17 Uhr.
Telefon (069) 73 90 09 67.
Internet www.galerie-beckers.com

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