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Ethik: Abtreibung: Wen wollen wir leben lassen?

Wer behinderte Babys abtreibe, handele wie ein Auftragsmörder, sagte Papst Franziskus. Die Empörung über die Wortwahl ist groß. Doch eine Debatte über den Wert von Menschen mit Behinderung ist nötig.
Papst Franziskus küsst ein Kind auf dem Petersplatz und setzt sich auch für behinderte Kinder ein – mit allerdings umstrittenen Worten. Foto: dpa Papst Franziskus küsst ein Kind auf dem Petersplatz und setzt sich auch für behinderte Kinder ein – mit allerdings umstrittenen Worten.

Ich kenne einige „Auftragsmörderinnen“ und „Auftragsmörder“ persönlich – es sind sehr liebenswerte Menschen. Wenn es nach Papst Franziskus geht, sollen Personen, die an der Abtreibung behinderter Kinder beteiligt waren, so bezeichnet werden. Mütter, Väter, Ärzte, Hebammen, Pränataldiagnostiker – sie seien vergleichbar mit Mördern. Diese brutale Rhetorik hilft niemandem. Sie ist diffamierend.

Aber der Papst lenkt mit seinen drastischen Worten die Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema: Er spricht über den Wert von behinderten Menschen. Und dieser Wert – da hat Franziskus recht – tendiert in unserer auf Effizienz und Nützlichkeit getrimmten Welt beinahe gegen Null.

Warum kommen immer weniger behinderte Kinder zur Welt? Weil immer weniger Eltern sich ein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen können. Und weil die Medizin mittlerweile viele Möglichkeiten bereithält, behinderte Kinder vor ihrer Geburt zu identifizieren und auszusortieren.

Abtreiben sei rationaler als lebenslang ein behindertes Kind aufziehen, lautet das medizinische Narrativ. Die Risiken werden betont, die möglichen Kosten, die gefährdete soziale Reputation. Wer will das heute schon sein: Mutter oder Vater eines behinderten Kindes? Fast niemand, das zeigen die Zahlen: Rund 98 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom werden beispielsweise abgetrieben. Haben Sie auf der Straße schon mal daran gedacht, wenn Sie einen Menschen mit Down-Syndrom sehen? Sie oder er steht für ungefähr 98 Menschen, die nicht auf die Welt gekommen sind. Nicht, weil sie nicht lebensfähig gewesen wären. Sondern weil sie abgetrieben wurden.

Es gibt viele berechtigte Gründe von Eltern, ein behindertes Baby abzutreiben. Meistens treibt die Verzweiflung sie zu dieser Entscheidung. Und die vermeintlich guten Ratschläge von medizinischen Fachleuten. Leichtfertig wird fast niemand solch einen Entschluss treffen. Und dennoch ist die herrschende Rede von der Risikovermeidung eine der größten Lügen unserer Zeit.

Denn in Wahrheit geht auch das Leben jedes nichtbehinderten Kindes mit hohen potenziellen Risiken einher. Und beim medizinisch eingeengten Blick auf das entstehende behinderte Kind und der möglichen Vermeidung seiner Geburt gerät das Wichtigste völlig aus dem Blickfeld der Betroffenen.: Das möglicherweise sehr wertvolle und erfüllende Leben mit einem solchen Kind.

Über das Leben mit einem behinderten Kind und über das Potenzial an Glück und Erfüllung der behinderten Kinder selbst erfahren die werdenden Mütter und Väter fast nichts. Sie geraten in einen Tunnel aus vermeintlicher Risikovermeidung. Und werden dabei von Medizinern oft blind gemacht für die Chancen des Lebens.

Was vielen erst später auffällt: Vor dem Lebensrisiko, ein solches Kind nicht zu bekommen, wird seitens der Ärzte selten gewarnt. Das nicht unbeträchtliche Risiko, diese Entscheidung bis zum Lebensende auch zu bereuen, wird nicht sonderlich betont. Viel zu selten wird Eltern das Wissen von Experten aus der Behindertenhilfe angeboten oder der Kontakt zu einer Familie mit einem behinderten Kind.

Verheerende Folgen

Mit verheerenden Konsequenzen für die Eltern, die sich im Taumel medizinischer Ratschläge und Termine eventuell um die größte Freude im Leben bringen lassen. Und mit verheerenden Konsequenzen für unsere Gesellschaft, die mit der massenhaft um sich greifenden Abtreibungspraxis perspektivisch immer weniger bereit sein wird, behinderte Menschen zu integrieren und zu schätzen.

Wir schützen die Sumpfschildkröte und den Feldhamster, die Hornotter und die Rotbauchunke per Gesetz – aber bei unserer eigenen Spezies sind wir längst nicht mehr so sicher, wer noch dazugehören soll, wer gesund und effizient genug ist.

Wenn es nach dem „einflussreichsten Biologen seiner Zeit“ (Spiegel), Richard Dawkins, ginge, sollten etwa künftig alle Menschen mit Down-Syndrom durch lückenlos angewandte Pränataldiagnostik vom Erdboden verschwinden. Dawkins propagiert eine Abtreibungsrate von 100 Prozent. Der Papst spricht im Zusammenhang mit den massenhaften Abtreibungen behinderter Kinder sogar von „Euthanasie“. Auch hier kann man die drastische Wortwahl kritisieren. Aber wenn jedes Jahr zehntausende lebensfähige Babys mit Behinderung abgetrieben werden, dann ist der Effekt tatsächlich vergleichbar.

Die Eugenik hat in Deutschland seit der staatlich gelenkten Ausrottung von Behinderten in der NS-Zeit einen furchtbaren Ruf. Die „Krüppel“ und „Geisteskranken“ sollten die Volksgemeinschaft ökonomisch nicht belasten, so das damalige Denken. Erst ging es um die Verhinderung der Fortpflanzung von „Erbkranken“, „Krüppeln“ und „Geisteskranken“, dann um die Ausrottung der vermeintlich Minderwertigen. Die Euthanasie in Deutschland war die Vernichtung von als „lebensunwert“ definiertem Leben. Das Motiv war brutal und profan: Es ging um weniger Betreuungskosten, um die Vernichtung von ökonomisch als unnütz definierten Menschen.

Das ist zum Glück Vergangenheit. Doch anstelle der staatlich gelenkten Selektion ist eine Art Privateugenik getreten. Pränataltests und das gesellschaftliche Klima von Leistung und Effizienzerwartung machen die Eltern zwar jeweils individuell, aber in der Summe massenhaft zu Privateugenikern. Die Pränataldiagnostik ist längst zum Motor einer privateugenischen Entwicklung geworden. Oft merken es die Betroffenen kaum, wie schnell die Untersuchungsangebote auf diese Fragen hinauslaufen.

Doch was nützt eine Mitteilung, der Bluttest habe eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit auf Down-Syndrom ergeben? Über das Potenzial an Glück, das eine Mutter und ein Vater mit diesem werdenden Kind haben könnten, sagt diese Zahl überhaupt nichts aus.
So ist in der Summe eine Abtreibungspraxis eingetreten, die einem Ausrottungsversuch dieser ganzen Menschengruppe gleichkommt – ohne es als Gesellschaft ausdrücklich zu wollen oder gar geplant zu organisieren. Sondern durch die vielen Entscheidungen einzelner Eltern, durch ihre Angst vor Abhängigkeit, Statusverlust und finanzieller Belastung. Aber auch durch die medizinische Machbarkeit. Den schicksalhaften Werkzeugkoffer der Pränatalmedizin und ihren Möglichkeiten der Selektion.
Eine leichte körperliche Behinderung wird dabei vielleicht noch als erträglich erwogen – schließlich könnte das Kind später noch Nobelpreisträger werden. Aber eine geistige Behinderung? Lieber nicht, auch wenn das Kind körperlich vollkommen gesund wäre. Hier verläuft in unserer Leistungsgesellschaft schon jetzt die Grenze. Und es gibt bereits jetzt schon Abtreibungen, bei denen als Grund eine „Behinderung“ wie ein fehlender Finger genannt wird. Wann reicht die falsche Augenfarbe? Und welche Artgenossen lassen wir künftig noch zur Welt kommen, wenn die Anforderungen an menschliche Perfektion noch höher werden?

Die Pränataldiagnostik kennt als Technik keine Beschränkung. Das Ziel der Biomedizin ist das „genetic enhancement engineering“ geworden, die genetische Verbesserung des Menschen. Denkt man diese Möglichkeiten weiter, so wird der Druck weiter wachsen, vor der Geburt noch mehr zu selektieren. Nur noch die Besten der Besten sollen künftig geboren werden.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Gesellschaften, in denen die Geburt eines behinderten Kindes als medizinisch vermeidbar gilt, werden immer weniger bereit sein, behinderte Menschen zu integrieren. Und die Kernfrage bleibt, ob es erlaubt sein soll, menschliches Leben zu töten, nur weil es von der Norm abweicht.

Stich ins Herz

Rechtlich ist es in Deutschland bis zum Ende einer Schwangerschaft erlaubt, ein Kind mit Down-Syndrom abzutreiben, bis zum Einsetzen der Wehen. Hebammen können Geschichten davon erzählen, die man nie mehr vergisst. Denn die Kinder, die dann im Mutterleib durch den Stich einer Kaliumspritze ins Herz getötet werden, sind meistens voll lebensfähig.

Wer das in der hohen Summe dieser Abbrüche und in deren Auswirkungen auf die Gesellschaft bedenklich findet, muss kein ideologischer Lebensschützer sein. Diffamierungen der beteiligten Ärzte sind auch völlig fehl am Platz. Ebenso eine Beleidigung der verzweifelten Eltern als „Mörder.“

Zuerst muss jede Frau entscheiden, ob sie ein behindertes Kind bekommen und versorgen kann. Das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper steht an oberster Stelle. Und auch das Recht auf Abtreibung ist eine Errungenschaft. Aber ich frage mich dennoch, welchem Wertesystem wir folgen, wohin unsere Gesellschaft driftet, wenn fast alle Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden. Wenn Behinderte in einer Wohlstandsgesellschaft keinen Platz mehr haben sollen, verliert diese Gesellschaft ihren zivilisatorischen Kern.

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