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Interview: AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland: "Seid nicht zu empfindlich"

Dass die Kanzlerin-Partei sich über wütenden Protest bei Kundgebungen beklagt, hält Alexander Gauland für etwas übertrieben. Warum er Angela Merkel zu einer dickeren Haut rät und weshalb er findet, die politische Konkurrenz mache in einem fort kostenlose Reklame für ihn und seine Partei, erzählt der AfD-Spitzenkandidat im Gespräch mit Cornelie Barthelme.
Alexander Gauland steht vor dem Einzug in den Bundestag. Foto: Michael Kappeler (dpa) Alexander Gauland steht vor dem Einzug in den Bundestag.

Wo, Herr Gauland, beginnt für Sie am Sonntag der Erfolg?

ALEXANDER GAULAND: Wenn wir gut und sicher im Bundestag sind. An Voraussagen über Prozente beteilige ich mich nicht.

Ihre Co-Spitzenkandidatin Alice Weidel träumt davon, die SPD zu überholen.

GAULAND: Reine Spekulation.

Die Sie für kontraproduktiv halten?

GAULAND: Ich nenne grundsätzlich keine Zahlen, weil man danach – ob zu hoch oder zu tief – immer etwas erklären muss; dazu habe ich keine Lust.

Apropos Lust: Neben der AfD, hört man, will im Bundestag niemand sitzen – und wegen Ihnen persönlich wurde rasch noch die Alterspräsidentenregelung geändert. . . 

GAULAND: . . .ich komme für das Amt ohnehin nicht in Frage; Hermann Otto Solms ist ein Jahr älter als ich. Ich finde es albern, mit solchen Tricks zu arbeiten. Über meine Eröffnungsrede im Brandenburger Landtag hat sich niemand aufgeregt.

Dabei helfen Ihnen Aufgeregtheiten sicher?

GAULAND: Natürlich. Wenn Peter Altmaier sagt, es sei besser, nicht zu wählen als AfD: Wie blöd kann man eigentlich sein? All das nützt uns, weil die Wähler uns als Opfer sehen. Ich schaue früh in die Zeitung und sage mir: Als Anzeigen könnten wir diese Schlagzeilen gar nicht bezahlen.

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Aber Sie persönlich sind ja auch gut im Provozieren.

GAULAND: Alles was in Rede steht, war ja nicht als Provokation gedacht.

Wie bitte: Sie oder Ihr Stab haben nichts von dem, was später für Aufregung sorgt, vorher überlegt und gewollt?

GAULAND: Das ist unterschiedlich. Manches sind Fehler, gar nicht beabsichtigt. Als Neuestes wird mir ja das Wort „entsorgen“ vorgehalten. Die Rede habe ich vorher schon neunmal gehalten, manchmal dabei entsorgen gesagt, manchmal nicht. Herr Gabriel hat 2012 Frau Merkel rückstandsfrei entsorgen wollen. Fast alle Politiker verwenden dieses Wort…

. . aber Sie wollen ja nicht wie alle sein…

GAULAND: . . ich kann den angeblichen Skandal nicht verstehen. Sollte es menschenfeindlich sein, ist es das bei allen. Und wenn ich finde, dass eine Integrationsbeauftragte, die die deutsche Kultur für nicht identifizierbar hält, möglicherweise in einem Land, in dem sie mehr von der Kultur versteht, besser aufgehoben ist – das finde ich auch keinen Skandal.

Warum haben Sie eigentlich beschlossen, aus der Rolle des gebildeten Citoyen, die Sie in Hessen hatten, in die des Agent Provocateur zu wechseln? 

GAULAND: Es gibt Entwicklungen. In den zehn Jahren in Frankfurt hatte ich eine ganz andere Aufgabe. Und mit der Gründung der AfD stellte sich eine ganz neue. Ich habe mich nicht in meinen Einstellungen verändert. In Frankfurt ging es darum, ein sehr skeptisches, seit Jahrzehnten SPD wählendes Kulturbürgertum mit einem unbekannten CDU-Politiker zu versöhnen.

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Und welche Aufgabe haben Sie bei der AfD?

GAULAND: Im Moment, gemeinsam mit Frau Weidel die AfD endgültig in der Gesellschaft zu verankern – und sie in den Bundestag zu führen.

Und das geht nicht ohne Grenzverletzungen?

GAULAND: Ich beabsichtige die doch gar nicht.

In einem AfD-Strategiepapier steht klar, die Partei wolle mit „sorgfältig geplanten Provokationen“ Wahlkampf machen. Welche planen Sie denn noch?

GAULAND: Weil wir in allen Überschriften sind, brauche ich keine mehr. Im Ernst: Diese Formulierung ist doch abstrakt. Wir sind doch nicht genial. Sie geraten in eine Situation – und da sagen sie vielleicht etwas, das sich als Provokation herausstellt.

So wie Ihre Forderung, auf die deutschen Soldaten zweier Weltkriege so stolz sein zu wollen wie die Franzosen auf Napoleon und die Briten auf Nelson und Churchill.

GAULAND: Warum sollte es eine politische Provokation sein, wenn ich dasselbe sage wie Mitterrand?

Weil Sie den Deutschen nahelegen, ganz undifferenziert auf alle Soldaten stolz zu sein – auch auf solche, die an Judenerschießungen beteiligt waren.

GAULAND: Das, Entschuldigung, geht so gar nicht. 95 Prozent der in deutscher Uniform kämpfenden Soldaten waren nicht an Kriegsverbrechen beteiligt. Und dass es diese Kriegsverbrechen gab, habe ich in derselben Rede ganz klar eingeräumt. Aber deswegen kann ich auf die anderen natürlich individuell stolz sein. Mich verblüfft das immer wieder: General Eisenhower hat die deutschen Soldaten tapfer genannt, Adenauer hat sich positiv geäußert, Helmut Schmidt hat zur Wehrmachtsausstellung Kritisches gesagt – aber wenn das jemand von der AfD sagt, dann steht offensichtlich der selige Adolf wieder auf. Das ist doch Unsinn.

Ihr Parteifreund Björn Höcke will aber eine „180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur“?

GAULAND: Das war etwas Blödes, und das habe ich ihm auch gesagt. Aber er hat danach öffentlich gesagt „das war falsch“ und „ich habe ein wichtiges Thema vergeigt“. Welcher Politiker macht das schon? Und damit muss dann auch mal gut sein.

Warum hat die AfD eigentlich kein Rentenkonzept?

GAULAND: Weil wir nicht genug Zeit hatten zum Diskutieren und weil es bei uns zwei Denkrichtungen gibt: Die einen wollen das bestehende System reformieren, die anderen wollen etwas völlig Neues nach Schweizer Vorbild. Das ginge aber nur mit einer Steuerreform – und die hat bei uns noch keiner durchdacht. Und keine Regierung hat bislang eine Steuerreform durchgesetzt. Ich bezweifle, dass wir das können.

Aber Sie wollen die Mehrwertsteuer senken, die Erbschaftssteuer abschaffen und kleine Einkommen entlasten: Da müssen Sie sich doch auch eine Gegenfinanzierung errechnet haben. . .

GAULAND: Warum? Ich sehe, wie Geld – etwa beim Berliner Flughafen, der nie fertig wird – völlig sinnlos zum Fenster hinausgeworfen wird. Wenn Herr Schäuble riesige Überschüsse anhäuft, dann muss ich nicht über Gegenfinanzierung reden.

Aber erwarten Ihre Wähler nicht gerade, dass Sie anders agieren als die anderen Parteien – und also präzise Zahlen haben?

GAULAND: Nein. Unsere Wähler wissen, dass wir erst mal deutlich formulieren, dass wir das Bestehende für nicht richtig halten. Sie wissen, dass wir für Lösungen in vielen Fragen zu jung sind. Sie wollen, dass wir mit unseren Fragen und der Feststellung, dass es so jedenfalls nicht weitergeht, in den Bundestag kommen.

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