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Interview: Uwe Dziuballa über den Anschlag auf sein jüdisches Restaurant in Chemnitz

Während einer rechten Demonstrationen in Chemnitz griffen Vermummte Uwe Dziuballa vor seinem koscheren Restaurant an. Im Gespräch mit Daniel Gräber warnt er dennoch davor, Anti-Merkel-Demonstranten pauschal als Nazis zu beschimpfen.
Uwe Dziuballa ist Eigentümer des jüdischen Restaurants „Schalom“ in Chemnitz. Ende August tauchten Vermummte bei ihm auf, beschimpften ihn und bewarfen ihn mit Steinen. Foto: JOHN MACDOUGALL (AFP) Uwe Dziuballa ist Eigentümer des jüdischen Restaurants „Schalom“ in Chemnitz. Ende August tauchten Vermummte bei ihm auf, beschimpften ihn und bewarfen ihn mit Steinen.

Herr Dziuballa, fühlen Sie sich noch wohl in Chemnitz?

UWE DZIUBALLA: Sehr sogar. Seit dem Vorfall am 27. August bin ich zwar etwas vorsichtiger geworden. Wenn ich durch die Stadt gehe, beobachte ich genauer, wer mich anschaut. Und ich achte darauf, nicht mit dem Rücken zu anderen Personen zu stehen. Aber das ist wohl eine ganz normale Reaktion auf so ein Erlebnis. In ein paar Wochen bewege ich mich hoffentlich wieder genauso unbekümmert wie früher durch Chemnitz.

Mehrere Personen sollen Flaschen und Steine auf ihr Restaurant geworfen haben. Wie haben Sie das erlebt?

DZIUBALLA: Ich war an dem Abend im „Schalom“, weil wir dort eine Vortragsveranstaltung hatten. Als ich draußen Geräusche hörte, bin ich vor die Tür und wurde sofort angegriffen. Dort war eine Gruppe von etwa zehn schwarz vermummten Gestalten, die mich mit Steinen bewarfen und als „Saujude“ beschimpften. Dann rannten sie weg. Das ging alles sehr schnell, und ich war geschockt. So eine Eskalation habe ich in Chemnitz noch nie erlebt.

Aber es war nicht der erste antisemitische Übergriff auf Ihr Restaurant.

DZIUBALLA: Bis 2012 waren wir an einem anderen Standort in der Nähe des Bahnhofs. Dort wurden nachts öfter mal Hetzparolen oder Hakenkreuze an die Scheiben geschmiert. Auch ein abgeschnittener Schweinskopf mit Davidstern lag schon vor unserer Tür. Seitdem wir hier in der Innenstadt sind, ist es deutlich ruhiger geworden. Zwei Eierwürfe gab es, aber sonst passierte hier bis vor zweieinhalb Wochen nichts. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die Gegend belebter ist. Unser Restaurant ist auch eine Art Kiezkneipe. Viele Stammgäste wohnen in der Nachbarschaft, die passen auf uns auf.

Seit den rechten Demonstrationen in Chemnitz blickt Westdeutschland wieder mit Sorge nach Sachsen. Was läuft dort schief?

DZIUBALLA: Rechtsradikalismus gibt es nicht nur in Sachsen. Ich bin auch in westdeutschen Bundesländern schon dumm angemacht worden, wenn ich dort mit meiner Kipa unterwegs war. Und einige der Demonstranten kamen von außerhalb. Ich habe Nummernschilder aus Berlin und Frankfurt gesehen. Es sind etliche Leute nach Chemnitz gefahren, um den tragischen Tod eines jungen Mannes für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen. Das ist schlimm, vor allem für die Familie des Opfers.

Er wurde bei einem Straßenfest erstochen. Dringend tatverdächtig sind drei Asylbewerber aus Syrien und dem Irak. Haben Sie Verständnis dafür, dass solche Taten Zweifel an der Flüchtlingspolitik nähren?

DZIUBALLA: Zunächst einmal habe ich Verständnis für diejenigen, die ihr Land verlassen, weil sie sich nicht erschießen lassen wollen. Aber ich verstehe auch, dass viele Bürger mit der aktuellen Asylpolitik unzufrieden sind. Wir bräuchten viel schnellere Entscheidungen, wer hier bleiben darf und wer nicht. Abgelehnte Asylbewerber müssten dann sofort in ihre Heimat zurückgebracht werden. Die Regierung drückt sich davor, das lässt den Unmut wachsen. Dass Demonstranten ihre Wut darüber auf die Straße tragen, ist ihr gutes Recht. So lange sie dabei friedlich bleiben.

Darüber ist inzwischen ein erbitterter Streit entbrannt: Waren in Chemnitz unzufriedene Bürger oder gewalttätige Neonazi-Horden unterwegs?

DZIUBALLA: Beides, das ist ja das Gefährliche. Die Grenzen zwischen bürgerlichem Protest und radikalem Hass zerfließen. Es zeigt sich mal wieder, wie dünn das Mäntelchen der Zivilisation ist. Es kann jederzeit reißen. Ich wurde in Karl-Marx-Stadt geboren, bin im sozialistischen Jugoslawien aufgewachsen und später in die DDR zurückgekehrt. Beide Staaten gibt es nicht mehr. Ich weiß wie schnell ein politisches System ins Wanken geraten kann. Wir müssen jeden Tag um unsere Demokratie kämpfen.

Aber wie?

DZIUBALLA: Die gesellschaftliche Mitte muss gestärkt werden. Wir müssen uns viel stärker in politische Debatten einmischen, denn sonst werden sie von den Extremen bestimmt. Und damit meine ich beide Seiten: Rechts und Links. Diese Hysterie, mit der bundesweit über die Vorfälle in Chemnitz diskutiert wurde, bringt nichts. Zu viele haben sofort darüber geurteilt, obwohl die Fakten noch gar nicht klar waren. Dadurch hat sich das so hochgeschaukelt. Ich hoffe, dass wir wieder sachlicher werden. Die verantwortlichen Politiker müssen feinere Antennen dafür entwickeln, was in der Gesellschaft eigentlich geschieht. Es hilft nichts, wenn wir alle, die gegen Merkel auf die Straße gehen, als Nazis beschimpfen. Dann sagen die nämlich irgendwann: Was soll’s, dann bin ich eben Nazi.

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