Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Adventskalender: Ein Dachboden voller Schätze

Von Mit einem Türchen gibt sich der Kransberger Schlossherr Sebahattin Özkan erst gar nicht ab. Was nicht wundert. Er kann rund 300 Türen öffnen – und zwei Blicke haben wir ausgiebig genutzt.
Besucherkinder im Schloss dürfen mit den uralten Spielsachen wie dem Puppenwagen spielen. Foto: Dorit Lohrmann Besucherkinder im Schloss dürfen mit den uralten Spielsachen wie dem Puppenwagen spielen.
Usingen. 

„Die Jacke nicht vergessen“, rät Sebahattin Özkan und hat schon mal den Schlüsselbund in der Hand. Guter Rat, denn das ganze Gemäuer von 1170 geizt generell mit Wärme. Und nun steigen wir auch noch hinab in die Katakomben, jene geschichtsträchtigen Betonräume, die von den Bau-Vandalen der Nazis und später der britischen und US-Streitkräfte wenig historisch in den Fels oberhalb des Usinger Stadtteils Kransberg gegossen wurden. Zu sehen gibt es hier wenig, mehr zu fühlen, zu ahnen. Beton. Stahl. Vereinzelt verrostete Sitzmöbel aus Stahl. Und ein Treppe, die noch weiter in die Tiefe führt, aber aus Sicherheitsgründen noch nicht begangen werden kann. Was immer auch dort ist – im zweiten Untergeschoss ist’s kalt genug und vor allem geschichtsträchtig.

Inhaftierte Nazigrößen

„In diesem Zimmer waren die Nazigrößen inhaftiert“, weist Özkan auf einen Raum. Die Briten betrieben im Schloss das Vernehmungszentrum Camp Dustbin. Die Spitzen der deutschen Wissenschaft, Technik und Rüstungsorganisation des Naziregimes waren hier zum Verhör: Albert Speer, Wernher von Braun, Hermann Oberth, Karl Saur, Hans Kehrl, Fritz Thyssen, Hermann Röchling und andere durften im Keller frieren. Und oben im Schloss fand im Sommer 1946 die erste Konferenz der Weltgeschichte über biologische Waffen statt.

Sebahattin Özkan öffnet die Tür zu seinem Dachboden. Bild-Zoom Foto: Dorit Lohrmann
Sebahattin Özkan öffnet die Tür zu seinem Dachboden.

Es sind keine Möbel notwendig, um Geschichte zu atmen. 1940 wurde das Schloss von Albert Speer mit Hilfe von 1000 Arbeitern renoviert und neu gestaltet. Heinrich Himmler und Reichsaußenminister von Ribbentrop waren hier. Die Bunkeranlage mit 600 Quadratmetern Fläche hat Speer verbrochen. Die Betonwände sind zwei Meter dick, alles ist gas-sicher angelegt. 1944 wurde das Schloss Luftwaffenhauptquartier von Hermann Göring.

Von den Bunkern aus führten auch einst Wege ins kleine Dorf, die längst verschüttet sind. Mancher Hausbesitzer nutzt die kurzen Stollen inzwischen als Keller.

Die kalten, nackten Wände drücken die Stimmung: „Hier bin ich nur ungern“, sagt Özkan und winkt mit Schlüsselbund. Noch schnell ein Blick in einen Raum, aber es finden sich auch keine eingekratzten Nachrichten der Nazis. Raus hier, irgendwie sind die Geister der Vergangenheit noch hier.

Ganze vier Stockwerke führt der Schlossherr nach oben, denn natürlich wollen wir auch einen Blick in einen Schloss-Dachboden werfen. Da muss sich doch ein Thron finden, auf dem irgendein Großer mal saß. Oder Spiegel, Bilder, alte Schriften und Urkunden.

Spärliches Sonnenlicht

Fehlanzeige. Staub und ein vorsichtiger Schlossherr zeigen sich, nachdem die kleine Bodentür aufgeschwungen ist, nicht ohne lautstarken Quietsch-Protest. „Die Dielen nur einzeln begehen“, warnt er. Sonst ist man auch ohne steile Holztreppe ein Stockwerk tiefer.

Viel Staub tanzt im spärlichen Sonnenlicht; wenn jetzt Hui Buh auftaucht, würde es nicht wundern. Da reihen sich alte Stühle aneinander, „die ich vielleicht mal restauriere“, ein großer Spiegel lehnt an der Wand – aber nicht aus 1100. Eher 20. Jahrhundert. Dafür finden die alten Puppen und das Spielzeug vor allem bei der Fotografin Gefallen.

Ein Puppenwagen staubt vor sich hin, eine kleine Kommode mit Spiegelaufsatz sucht sicher ein besseres Plätzchen. Die Kaminuhr oder die Bronzefigur haben längst den Weg in den Wohnbereich geschafft. „Aber viel war nicht auf dem Dachboden. Fast das ganze Schloss war bei meinem Einzug leergeräumt.“ Ganz klar: Hier waren einfach zu viele Besitzer zugange.

Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse