Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... 19°C

Sébastien Haller im Interview: "Dieses Tor werde ich nicht vergessen"

Mit seinem Tor gegen Stuttgart hat Sébastien Haller zuletzt nicht nur Eintracht-Fans von den Sitzen gerissen. Im Interview mit unserem Redakteur Markus Katzenbach verrät der Stürmer, warum spektakuläre Treffer nichts Neues für ihn sind und noch manches mehr.
Grund zur Zufriedenheit: Sébastien Haller hat in der Frankfurter Arena nun schon gezeigt, zu was er imstande sein kann. Foto: Jan Huebner (imago sportfotodienst) Grund zur Zufriedenheit: Sébastien Haller hat in der Frankfurter Arena nun schon gezeigt, zu was er imstande sein kann.

Alle Welt redet über Ihr Tor vom letzten Samstag. Für den FC Utrecht aber haben Sie einmal eines erzielt, das fast noch schöner war. Sind Sie ein Spezialist für spektakuläre Seitfallzieher?

SÉBASTIEN HALLER: Mich haben solche akrobatischen Sachen schon als Kind fasziniert, und ich habe das auch immer wieder geübt. Bei dem Tor für Utrecht habe ich mir den Ball noch mit dem Knie vorgelegt. Vier Mal habe ich schon die Chance bekommen, so zu treffen, einmal kam auch eine Torvorlage dabei heraus. Das war jetzt also das fünfte Mal. Mir macht das viel Spaß, und ich glaube, alle können es genießen.

Nach dem Spiel sagten Sie, das war Instinkt, keine bewusste Entscheidung.

HALLER: Ich mache das einfach gerne. Wenn ich die Chance bekomme, versuche ich es, weil ich weiß, wie es geht, und weil es deshalb für mich eine einfache Sache ist. Für mich vielleicht sogar einfacher, als einen Kopfball oder was auch immer zu versuchen. Jeder ist da unterschiedlich und hat andere Vorlieben und Fähigkeiten.

Dabei sind Sie ein Kerl wie ein Baum und sehen gar nicht aus wie ein Akrobat.

HALLER: Ich bin sehr beweglich und gut im Stretching (lacht, Anmerkung der Redaktion) . Aber klar, niemand hat dieses Tor in der letzten Minute erwartet, und niemand hat diese Art von Tor erwartet. Da war jeder überrascht.

Obwohl Sie schon vorher Ähnliches geschafft haben, war es sicher ein besonderes Tor für Sie, wegen der Dramatik in letzter Sekunde, in einem wichtigen Spiel für den neuen Club, auch noch als Ihr erstes Liga-Tor aus dem Feld heraus?

HALLER: Ja, das Timing war perfekt. Das Team und ich haben dieses Tor gebraucht. Wir wollten den Sieg unbedingt, das war sehr wichtig vor der Länderspielpause. Ich war sehr glücklich, nicht nur für mich, sondern für alle, weil ich wusste, dass es eine Befreiung für jeden war.

Helfen so ein Tor und so ein Sieg auf dem weiteren Weg, über den Tag hinaus?

HALLER: Es ist einfach anders, wenn du über die zwei Wochen auf dem 16. Platz stehst statt auf dem achten. Du fängst dann an, dich zu stressen, änderst vielleicht die Art, wie du arbeitest. Jetzt ist es okay. Das verschafft uns etwas Ruhe, nachdem die Ergebnisse vielleicht nicht immer so gut waren, wie wir uns das erhofft hatten.

Zwei Mal hatten Sie Pech mit Pfosten und Latte und noch ein paar andere Gelegenheiten. Haben Sie dieses Tor herbei gesehnt? Obwohl Sie in Köln ja schon einen Elfmeter verwandelt haben?

HALLER: Ja, natürlich. Ein Tor ist ein Tor in der Statistik. Aber ein Tor aus dem Feld zählt für mich im Kopf vielleicht etwas mehr, weil du weißt, dass du mehr getan hast, um zu treffen.

Sind Sie nach diesen sieben Spielen zufrieden? Was war gut, was geht besser?

HALLER: Ich hätte noch mehr Tore schießen können. Wenn ich bei einem Team wie Borussia Dortmund spiele und eine Chance vergebe, ist das okay, weil schon ein anderer treffen wird. Aber hier muss ich treffen, wenn ich der Mannschaft helfen will, und ich weiß, dass ich effektiver werden muss. Ich hatte auch Pech, ich kann es aber auch besser machen. Wenn ich getroffen hätte, hätte sich alles verändern können. Wir hätten gegen Freiburg und Wolfsburg gewinnen können. Aber man kann das nicht lange bedauern, sondern muss daraus lernen.

Als Sie nach Frankfurt wechselten, waren Fußball-Experten in den Niederlanden überrascht. Sie hatten erwartet, Sie würden zu einem größeren Club gehen, vielleicht in der Champions League spielen. Warum kamen Sie zur Eintracht?

HALLER: Vielleicht vergessen die Leute manchmal, dass es nicht reicht, ein paar Tore zu schießen, um Champions League zu spielen oder der nächste Messi zu sein. Für mich ist das der nächste Schritt, nach meinen Erfahrungen in den Niederlanden. Das Interesse von der Eintracht war groß, und ich brauche das Vertrauen vom Trainer, vom Team und von den Fans. So funktioniere ich. Für mich ist es sehr wichtig, dass der Club wirklich will, dass ich komme. Ich will keine zweite oder dritte Wahl sein. Ich bin 23, und ich muss jedes Wochenende spielen oder so viel wie möglich jedenfalls. Für mich war das die beste Wahl, um das Fußballspielen weiter zu genießen und mich weiter zu entwickeln, als Fußballer und als Mensch.

Die Bundesliga ist in dieser Saison noch umkämpfter, weil es viele Clubs auf ähnlichem Niveau gibt, unterhalb der absoluten Spitze. Viele Trainer legen da erst einmal Wert auf die Defensive. Ist das für einen Stürmer besonders anstrengend?

HALLER: Ja, es ist wirklich viel Arbeit. Nicht nur körperlich mit vielen Zweikämpfen und dem vielen Laufen. Vorher hat man eine Idee davon, aber man merkt erst, wie es wirklich ist, wenn man selbst mitspielt. Jetzt weiß ich, dass die Qualität sehr hoch ist.

Spricht Niko Kovac viel mit Ihnen und sagt Ihnen, was er erwartet?

HALLER: Auf jeden Fall. Er kennt meine Qualitäten. Es ist wichtig für mich, den Ball zu halten. Um in der Bundesliga zu gewinnen, muss man präsent auf dem Platz sein, den richtigen Moment abwarten, um anzugreifen. Das versuche ich. Ich muss da sein, wenn es darum geht, ein Tor zu schießen. Das ist meine wichtigste Aufgabe.

Ist es manchmal schwer, im Kopf immer auf dieses Ziel ausgerichtet zu bleiben, wenn man ständig in Zweikämpfe gehen und zu Kopfbällen hochsteigen muss, zwei große Verteidiger gegen sich?

HALLER: Da will ich nicht lügen, das war am Anfang nicht immer einfach für mich. In Leipzig zum Beispiel war ich zwischenzeitlich nicht mehr richtig fokussiert. Es hat mich verrückt gemacht, dass wir sie haben machen lassen, was sie wollten. Ich kenne meine Mitspieler und weiß, dass wir es so viel besser können. Manchmal bist du nicht mehr fokussiert, wenn etwas schiefgeht. Aber das ist das Wichtigste im Fußball: Du musst 90 Minuten fokussiert sein, weil du sonst den Moment für ein Tor verpassen kannst, und das ist schlecht für das Team. Daran versuche ich zu arbeiten, aber es ist wirklich manchmal nicht einfach.

Gegen Stuttgart hat es geklappt.

HALLER: Als wir die Rote Karte bekommen haben, habe ich zu mir gesagt: Ich will das Spiel gewinnen, ich will ein Tor schießen, ich will das genießen, ich will glücklich sein. Dann habe ich die Chance bekommen – vielleicht weil ich bis zur letzten Sekunde so fokussiert war. Das werde ich sicher nicht vergessen.

Bei der Eintracht gibt es viele neue Spieler. Wie weit sind Sie auf Ihrem Weg?

HALLER: Ich glaube nicht, dass ich schon bei 100 Prozent bin, aber ich denke, dass es bald so weit ist. Als neuer Spieler gibt es viele Dinge zu tun, das realisieren die Leute vielleicht gar nicht so. Du wechselst das Land und die Liga, die Spielweise ist anders. Du musst dich daran anpassen. Du hast neue Trainer, neue Mitspieler – und das ist nur der Fußball. Du hast neue Tagesabläufe. Alles ist anders. Du brauchst eine neue Wohnung, neue Möbel, Telefon, Internet, was fürs Auto, und wenn du wie wir ein kleines Baby hast, musst du noch viel mehr bedenken. Der Club hilft einem viel, Aber ich will da möglichst alles selbst machen. Du musst nur clever sein, dir genug Ruhe gönnen, dich gut ernähren. Nach drei Monaten kriege ich das jetzt glaube ich gut hin.

Ist es leichter, sein Bestes auf dem Feld zu geben, wenn im Umfeld alles geregelt ist?

HALLER: Man merkt es vielleicht nicht, aber das alles kostet Kraft. Man ist vielleicht etwas müder, weniger fokussiert und kann nicht 100 Prozent geben – auch wenn man denkt, dass man es kann. In meinem ersten Spiel war ich noch so aufgeregt, weil ich wusste: Du kennst das alles nicht, du hast noch so viel zu lernen über den Fußball, über das Land, über alles. Das ist Woche für Woche besser geworden.

Hatten Sie die Bundesliga schon verfolgt?

HALLER: In Frankreich schauen wir die Bundesliga nicht wirklich. Und ich will ganz ehrlich sein: Ich sehe auch jetzt nicht viel Fußball. Die meiste Zeit bleibe ich zu Hause, mit meiner Frau und meinem Baby. Der Fernseher ist meist ausgeschaltet. Wir reden, telefonieren, kümmern uns ums Baby. Wenn ich mal Fußball schaue, dann Champions League oder vielleicht eine Mannschaft, auf die wir bald treffen.

Wie alt ist Ihre Tochter Ciara? Und was bedeutet sie für Sie?

HALLER: Sie ist jetzt sieben Monate alt. Das ist ein verrücktes Gefühl. Das hätte ich niemals gedacht, und ich kann es auch nicht beschreiben. Ich bin so glücklich und stolz. Ich glaube, das gibt einem auch Kraft für die Dinge, die man jeden Tag so tun muss. Wenn man dann nach Hause kommt, und sein Baby und seine Frau sieht, kann man auch alles vergessen, was vielleicht mal falsch gelaufen ist. Das verschafft einem Ruhe und Frieden.

Die Entscheidung über Ihren Wechsel muss rund um die Geburt gefallen sein. Was hat Ihre Frau dazu gesagt?

HALLER: Es war etwa drei Wochen nach der Geburt. Natürlich habe ich vor der Entscheidung mit ihr gesprochen, wir machen alles zusammen. Sie war sich sicher, dass ich weiß, was wir brauchen, damit wir alle zusammen glücklich sind und ich es auf dem Feld auch bin. Sie sagte: Wenn Du glaubst, das es die beste Entscheidung ist, folge ich Dir. Du musst nur hundertprozentig sicher sein. Sie ist mit mir aus Frankreich nach Holland gekommen und jetzt mit nach Deutschland.

Können Sie schon etwas Deutsch?

HALLER: Für mich ist das vielleicht etwas leichter als für andere Spieler, weil ich Englisch spreche und weil ich in den Niederlanden gespielt habe und vieles verstehen kann. Aber es braucht Zeit. Was kann ich sagen? Ein paar kleine Sachen habe ich gelernt: „Ich wohne in Frankfurt. Ich komme aus Frankreich.“ (spricht hier deutsch, während der Rest des Interviews in Englisch geführt wurde, Anm. d. Red.) Und ich kenne schon ein paar Schimpfwörter.

Bald lernen Sie vielleicht die Worte „Tor des Monats“. Kennen Sie diese Wahl?

HALLER: Nein, das ist das erste Mal, dass ich davon höre. Aber es ist immer gut, wenn man für solche Auszeichnungen nominiert wird, gerade für einen Angreifer: Das ist etwas, was wir lieben. Es wäre toll, das zu gewinnen.

Mehr aus Sport

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse